Donnerstag, Oktober 22, 2026
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UNTERWEGS ZUR SEELE – Küssen oder Kämpfen? Oder Beides?

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Sigrid Reihs. © Thomas Schmithausen

Eine Kolumne von Sigrid Reihs

Heute möchte ich über Gerechtigkeit und Frieden sprechen und darüber, was es bedeuten könnte, wenn es wie es in einem alten biblischen Text heißt, dass Gerechtigkeit und Frieden sich küssen. Das ist etwas merkwürdig. Da kommt man nicht als erstes so drauf. Aber was mit Gerechtigkeit gemeint ist, ist ja auch gar nicht so leicht zu klären. Und was Frieden bedeutet, wer kann das schon sagen?

Ich erinnere mich an Zeiten in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, da erschien es mir als junger Frau ganz selbstverständlich, was Frieden ist. 

Und heute, da bin ich nicht mehr so sicher, ob ich so ganz genau weiß, was das ist. Dennoch ist es natürlich eine ganz interessante Herausforderung, sich noch einmal darüber klar zu werden. 

Es gibt einen biblischen Psalm, in dem es heißt, dass Güte und Treue einander begegnen und Gerechtigkeit und Frieden sich küssen. Ein solcher Satz kommt daher, wie aus einer ganz fernen, fremden Welt. Und das ist ja auch so. Viel tausend Jahre trennen uns von diesen Sätzen. 

In der Vergangenheit haben gerade die Kirchen gegen die Fremdheit dieses Wortes daraufgesetzt, dass es zu uns, zu allen Menschen sprechen kann. Und nicht zuletzt wegen dieser Worte wurde der Psalm zu einem wichtigen Text in der Friedensbewegung und in vielen anderen Bewegungen, in denen es um Gerechtigkeit geht, weil er doch in seiner Sprache zum Ausdruck bringt, wie Gerechtigkeit, Frieden und Nachhaltigkeit zusammenkommen können. 

Die besondere Attraktivität scheint vielleicht darin zu liegen, dass Gerechtigkeit und Frieden nicht addiert werden. Sie werden in Beziehung gesetzt. Und das ist etwas anderes. 

Kaum ein Wort passt zur Utopie der Vereinigung von Frieden und Gerechtigkeit wie dieses schöne Bild. Doch gerade die Schönheit dieses utopischen Bildes ist ein Teil des Problems. Denn die Schönheit dieses Bildes hängt ja auch ein wenig an der jeweiligen Übersetzung. Dass Frieden und Gerechtigkeit sich küssen, verdanken wir in der Übersetzung Martin Luther. Er hat da eine Entscheidung getroffen. Es wäre genauso gut möglich gewesen, zu übersetzen, dass Frieden und Gerechtigkeit miteinander kämpfen. Dann würde sich das Ganze, die Begegnung dieser beiden in einem ganz anderen Licht zeigen. Diese kämpferische Begegnung ist durchaus vorstellbar; auch im Zusammenhang mit unseren Erfahrungen. Dann geht es nicht um eine liebevolle Beziehung so wie wir es uns häufig vorstellen. 

Frieden und Gerechtigkeit gehen dann nicht eine Verbindung ein wie in der Skulptur „Der Kuss“ von Rodin. Mit dieser kämpferischen Beziehung zwischen Frieden und Gerechtigkeit wird eher ein aggressiv-erotischer Gott dargestellt und Liebe und Krieg kommen sich dann sehr, sehr nahe. 

Anscheinend gibt es auf die Frage: „In welcher Beziehung stehen denn Frieden und Gerechtigkeit?“ keine eindeutige Antwort. Diese Art von fehlender Eindeutigkeit knüpft gut an an das, was wir selber erleben. 

Da gibt es die Erinnerung an die friedvolle Idylle bei der Schöpfung der Welt, an die Idylle, in der Mensch, Natur und Gott in Harmonie miteinander leben. Gott sah an alles, was er gemacht hatte. Und siehe da: es war sehr gut. Dann erinnern wir uns und alle anderen daran, was die Absicht war mit dieser Schöpfung. Mit der Erinnerung an diese Absicht knüpfen wir vielleicht an eigene reale Erfahrungen an. Und nur mit dieser Erinnerung an eigene reale Erfahrungen gibt es überhaupt ein Kriterium diese Vision einer nüchternen Analyse zu unterziehen. Harmonie zwischen uns Menschen und die zwischen uns und der Natur ist massiv gestört. Und das nicht nur in unserer westlichen Welt. Es gibt keine paradiesischen Zustände mehr, selbst wenn die Werbung uns suggerieren will, dass wir das verlorengegangene Paradies an den weißen Stränden der Karibik finden könnten. Bedauerlicherweise müssen nämlich genau diese paradiesischen Orte durch hohe Zäune von ihrer Umgebung abgetrennt werden, die dann gar nicht mehr paradiesisch, sondern voller Elend und katastrophaler Zustände sind. Kinder, die auf Müllhalden nach verwertbaren Essensresten suchen, die die übriggelassen haben, die als All-inclusiv-Gäste in den %-Sterne Hotels der Dominikanischen Republik wohnen und baden. Die Bilder dieser sich immer weiteraufspaltenden weltweiten Gesellschaft ließen sich immer weiter aufzählen. 

Es gibt den Film, den Sie vielleicht kennen: The day after tomorrow. Die nördliche Halbkugel liegt aufgrund der Klimaveränderung unter Eis und viele Menschen haben keine Chance auf Rettung, weil aus wirtschaftlichen Gründen die notwendigen Maßnahmen nicht getroffen worden sind. Ebenso wie einzelne von uns fragen in diesem Film auch einzelne, ob wir völlig verloren sind. 

Wie lässt sich etwas von der verheißenen Harmonie zwischen Menschen und zwischen Menschen und Natur zurückgewinnen?

Vielleicht lässt sie sich zurückgewinnen, wenn Frieden und Gerechtigkeit sich wirklich begegnen.  Ob nun im Kuss oder im Kampf, darüber will ich keine Aussage treffen. Die Gerechtigkeit, von der da die Rede ist, ist eine andere als die, die wir von iustitia her kennen. Diese Gerechtigkeit ist nicht un- oder überparteilich. Diese Gerechtigkeit ergreift Partei und ist voller Emotionen. Mit dieser Gerechtigkeit geht es um solidarischen Einsatz für die Gemeinschaft. Diese Gerechtigkeit ist eine soziale Größe. Da mag nicht ganz originell klingen – und doch ist es das. Diese Gerechtigkeit ist nicht denkbar ohne die Liebe. Und darin unterscheidet sie sich deutlich von der einer objektiven Betrachtung. Denn eine Gerechtigkeit ohne Liebe – das hat die Geschichte immer wieder gezeigt – kann in den Terror führen. 

Gerechtigkeit, Frieden, Gnade und Treue treffen aufeinander und manchmal kämpfen sie auch miteinander. Für eine Gerechtigkeit, die allen Menschen Anteil an den Lebensbedingungen, die wir haben gibt, gilt es zu kämpfen. 

Es ist kein Schicksal und schon gar nicht Gottes Wille, dass eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser hat, während andere mit diesem Wasser viel Geld verdienen. 

Wenn Gerechtigkeit und Frieden sich küssen, dann geht es nicht um naiven Verzicht auf Wohlstand und Technik. 

Allen ihren Anteil zu geben, ändert die Perspektive ihres Lebens. Da wird man nicht um einen Konflikt, die ganz viel haben und denen, die ganz viel brauchen, herumkommen. In diesem Sinne kämpfen dann Frieden und Gerechtigkeit miteinander. Das werden wir sicher immer wieder und immer häufiger erleben. Doch gerade, weil wir um beides wissen, ist es für uns alle heute und in Zukunft eine unerlässliche Aufgabe, dass wir uns einmischen und unser gesellschaftliches Handeln daran messen, ob es dem Recht im Sinne der Parteilichkeit für die Schwachen zur Geltung verhilft. Es bedeutet, dass nicht das Recht des Stärkeren regiert, sondern die Stärke der Gerechtigkeit. Darum finde ich es so schön, dass es in diesem Psalm heißt in der lutherischen Übersetzung: Dass Frieden und Gerechtigkeit sich küssen und dass dieser Kuss nicht ohne Kampf möglich ist. Aber darum sind wir nicht allein, sondern in einer großen Gemeinschaft und dazu möchte ich uns alle erneut einladen. 

Vielen Dank.

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