Eine Kolumne von Sigrid Reihs
„Du hast meine Klage in einen Reigen verwandelt!“
Schön, dass wir nach der langen Sommerpause heute hier wieder zusammengekommen sind. Und ich kann mir auch vorstellen, dass es für den ein oder anderen gerade im Moment, wenn es draußen wieder dunkel wird und deutlich sichtbar der Herbst kommt, gar nicht so einfach ist, in eine positive Grundstimmung zu kommen, weil manches doch zusammenhängt mit der Helligkeit des Sommers.
Ich möchte trotzdem einladen, ein wenig darüber nachzudenken, wie das eigentlich ist mit unserem Vertrauen darauf, dass die Dinge trotz leichter dunkler Flecken wieder gut werden können.
Ein Freund von mir erzählte mir, dass er vor kurzer Zweit in Südafrika gewesen ist zum Arbeiten für einige Wochen. Und er erzählte von dem afrikanischen Wort für Vertrauen, für Hoffnung, für Energie und für Elan, von Temba. Und weil diese positive Botschaft von Vertrauen und von Hoffnung dort anscheinend wächst, denke ist, ist das schon etwas Besonderes, denn die Lebensumstände dort und die politischen Rahmenbedingungen dort sind ja alles andere als rosig. Vielleicht können wir von unseren Mitmenschen in Südafrika, am Kap der Guten Hoffnung da einiges lernen.
Ich will nicht behaupten, das Fröhlichkeit und hoffnungsvolles Vertrauen dazu beitragen, dass es keine Schwierigkeiten mehr in unserem Leben gibt, dass wir alles, was passiert in unserem Leben in ein rosarotes Licht tauchen könnten. Das wäre naiv und niemand von uns würde das wirklich glauben.
Aber gleichzeitig ist ja immer die Fragen: „Wie gehen wir um mit den schwierigen Situationen, mit den Problemen, die sich stellen, mit den Momenten in unserem Leben, die unerwartet Hürden aufbauen?“
„Von welchem Geist sind wir getragen und worauf setzen wir unsere Hoffnung?“
Ich bin Pfarrerin und manchmal, das wird niemanden wundern schaue ich in die Bibel, um zu entdecken und mich zu erinnern, worauf ich meine Hoffnung setzen kann.
In einem Psalm im Alten Testament heißt es: „Du hast meine Klage verwandelt in einen Reigen. Du hast mir den Sack der Trauer ausgezogen und mich mit Freude bekleidet, dass ich dir singe und nicht still werden.“
Das klingt, gerade in der Sprache der Bibel etwas fremd; aber wenn man dieses Fremde in der Sprache der Bibel wegnimmt, dann kommt vor allem etwas zum Ausdruck, woran ich gerne erinnern möchte.
Es beginnt mit einem Dank, mit einem Dank daran, dass es auch in einer schwie4rigen Situation so etwas gibt, wie die Befreiung von Angst. In der Bibel wird immer wieder von solchen Situationen und Erfahrungen erzählt. Unter anderem und vielleicht wissen einige noch davon, wird davon erzählt, dass damals, vor vielen tausend Jahren, ganz Israel seinem Gott gedankt hat in einem großen Befreiungslied für seine Errettung aus Ägypten, aus dem Sklavenhaus.
Dieser Dank ist insofern besonders, weil er überhaupt nicht verschwiegt, wie es in dieser schwierigen, lebensbedrohlichen Situation gewesen ist, wie grausam das Leben unter den Bedingungen von Ausbeutung war. Und es verschweigt auch nicht, dass nicht alle dieses Dankeslied mitanstimmen konnten. Diejenigen, die unter der Brutalität der Ausbeutung zusammengebrochen sind und diejenigen, die der Gewalt zum Opfer gefallen sind, haben in diesen Dank nicht miteinstimmen können.
Aber es wird davon erzählt, dass die Ausgebeuteten wirklich ausgezogen sind; dass die Verfolgten wirklich gerettet worden sind; und dass in der Wüste die Hungernden tatsächlich zu essen bekommen haben.
„Du hast mir meine Klage verwandelt in einen Reigen und du hast mir den Sack der Trauer ausgezogen und mich mit Freude umkleidet.“ In diesen wenigen Worten bringt jemand ganz persönlich seine Erfahrung mit Dank und mit seinem Umgang mit schwierigen Situationen im Leben zum Ausdruck. Eine Erfahrung, die das Leiden, die Enttäuschung, die Angst vor der Enttäuschung und der Aussichtslosigkeit nicht verschweigt.
Hier macht jemand die Erfahrung, dass es Hilfe gibt; dass die eigene Angst überwunden wird und nicht, weil die Angst nicht mehr da ist, sondern, weil die Hoffnung der vorherrschende Ton geworden ist. Darum. So heißt es hier, ist die Klage in einen Reigen verwandelt worden.
Angst und Ausweglosigkeit haben nicht mehr die Oberhand. Darum kann es Hoffnung geben; Hoffnung auf Zukunft.
Diese wenigen Worte sind wahrscheinlich nicht als überzeitliche Wahrheit gedacht für jeden Menschen. Sie haben ihren Ursprung in einer ganz konkreten Lebenssituation eines ganz konkreten Menschen. Derjenige oder diejenige, die hier redet, gehört zu denen, die bedroht sind, die unter katastrophalen Bedingungen auf der Seite der Verlierer stehen.
Ich denke, wenn wir uns das klar machen, dann geht es nicht um billigen Trost; dann geht es nicht um den gutgemeinten Rat der Besserwisser oder wie es in einem gegenwärtig sehr populären Kinderbuch heißt: der Klugscheißer nach dem Motto: Gib dich zufrieden und halte Ruhe!“
Danke sagen kommt hier aus dem Mund eines Menschen, die nichts zu lachen hat. Und Menschen, die nichts zu lachen haben, die finden wir heute genauso wie zu der Zeit des Psalms.
Und wann könnte jemand von uns singen: Du hast mir meine Klage in einen Reigen verwandelt?
Ich bin davon überzeugt, dass jeder und jede von uns einen solchen Vers singen kann, wenn wir unser Leben von heute aus betrachten. Da ist nicht alles gelungen; aber ich habe alles, was passiert ist, überlebt. Ich stehe heute hier, und zwar auf meinen zwei Beinen. Ich habe eine Familie gegründet und gute Zeiten erlebt. Ich bin alt geworden und sehe auf ein Leben, in dem nicht alles gelungen ist, aber das mich an diesen Ort geführt hat. Das ist doch eine unerwartete Überraschung, dass es bei uns doch eigentlich darum geht, die wahrzunehmen, die in Not sind und Opfer werden und mit ihnen solidarisch zu sein.
Wie viele Eltern und Grundschulkinder heute können singen: „Du hast mir meine Klage verwandelt in einen Reigen“?
Wenn wir dafür sorgen gemeinsam, dass Eltern wie Kinder, Erwachsene wie Jugendliche die Erfahrung machen, dass das, was möglich ist, tatsächlich etwas Besonderes ist, und nichts Selbstverständliches, dann ändert sich die Stimmung.
Diese alten Psalmworte sind ein Angebot an uns. Sie wollen uns begleiten. Sie sind eine Einladung an jeden und jede von uns, unsere realen Probleme nicht zu vertuschen, sondern sie wahrzunehmen. Aber Probleme wahrnehmen bedeutet nicht, sich von ihnen besiegen zu lassen.
Wer singen kann: „Du hast meine Klage verwandelt in einen Reigen“, dessen Seele kann nicht nur lächeln, sondern aus tiefstem Glück strahlen. Manchmal wird es so sein, als ob Gott im Himmel über uns lächelt. Und diese Erfahrung eines lächelnden Gottes wünsche ich uns allen heute und noch etwas länger – vielleicht einen ganzen Herbst lang. Dazu mögen uns die Herbstblumen – strahlende Sonnenblumen – begleiten und ein Zeichen sein. Vielen Dank!






