Dienstag, Juli 7, 2026
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UNTERWEGS ZUR SEELE – Vorbilder

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Sigrid Reihs. © Thomas Schmithausen

Eine Kolumne von Sigrid Reihs

Haben Sie eigentlich Vorbilder? 

Nach meiner Erfahrung gibt es auf diese Frage nicht immer eine Antwort. 

Aber wenn es eine gibt, dann sind es entweder anerkannte Helden oder die eigene Mutter oder der eigene Vater – also Personen, denen wir in der Regel mit Wertschätzung und Achtung begegnen. 

So wie unsere Vorbilder sind bzw. wie wir meinen, wie sie sind, wollen wir auch werden.  Ehrlicherweise müssen wir uns dann oft eingestehen, dass wir es so ganz nicht geschafft haben und wohl auch nicht schaffen werden. 

Also, mit diesen Vorbildern ist es ziemlich ernüchternd.

Darum lade ich heute mal dazu ein, es mit anderen Vorbildern auszuprobieren. 

Welche Vorbilder helfen mir eigentlich, die zu werden, die zu sein, die ich bin? 

Welche Vorbilder helfen mir, eben nicht einem anderen immer ähnlicher zu werden oder einer Idealvorstellung von mir selbst, der sogenannten heiligen Ausgabe von mir selbst, sondern wirklich die zu sein, die zu werden, die ich bin?

Dass Menschen dafür immer wieder auf Hilfe, auf Unterstützung – entweder von Menschen oder von irgendwelchen Zaubertränken angewiesen sind – , davon erzählen viele Märchen und mythische Geschichten. 

Für diese geheimnisvollen Elixiere sind die Menschen in den Märchen oder Mythen oft bereit, viel zu wagen, vieles aufs Spiel zu setzen. 

Und eines eint die meisten der Märchenfiguren, die dann das geheimnisvolle Elixier oder was sonst das entscheidende Symbol für die Hilfe ist, man oder frau selbst zu werden. 

Es ist oft nichts Besonderes. 

Manchmal eine Blume, ein kleiner Vogel, der zwitschert, eine alte weise Frau, um die die anderen einen Bogen machen etc. 

Diese unscheinbaren oder fremden Wesen haben allerdings etwas gemein. Sie helfen den Menschen, die sich auf sie einlassen dabei, sich selbst nicht länger zu beurteilen, sondern sich selbst mit Respekt zu behandeln. 

Nichts einfacher als das, denken Sie da vielleicht. 

Das ist vermutlich einer der größten Irrtümer. Dazu erzähle ich gerne eine kleine Geschichte, die ich bei Jack Kornfield gefunden habe, einem amerikanischen Meditationslehrer:

Er erzählt von einem Mann, der zu ihm in einen Meditationskurs kam, weil er Hilfe suchte für seine Probleme: 

Seine Firma war gerade pleite gegangen und seine Ehe kriselte und seine Mutter war krank. Ruhe und innere Einkehr schienen ihm das richtige Mittel zu sein, um zu einer Lösung für sich selbst zu kommen. 

Doch die Meditation wurde für ihn schnell zum Höllentrip. 

Seine Wut und Frustration, die ihn im Moment total bestimmten, beherrschten in der Stille auf geradezu unerträgliche Weise seinen Geist. Er wurde innerlich immer unruhiger und seine Achtsamkeit verflüchtigte sich mit der gleichen Geschwindigkeit wie ein Tropfen Wasser in der heißen Bratpfanne. 

Kurz und klein; er kam zu dem schnellen Ergebnis: Stille und Achtsamkeit bzw. Meditation – das ist nichts für mich; er wollte den Kurs abbrechen. 

Jack Kornfield wollte ihn zwar nicht daran hindern, aber er lud ihn ein, noch einen Moment die Augen zu schließen und dann achtsam seinen körperlichen Zustand wahrzunehmen: 

der junge Mann erlebte Schmerz und Spannung; Kornfield lud ihn ein, diesen Schmerz und diese Spannung mehr zu akzeptieren und ihnen sanft zu begegnen. 

Der junge Mann atmete etwas sanfter und nicht mehr gegen den Schmerz und die Spannung. Er erlebte, dass sich etwas bei ihm selbst veränderte. 

Dann ließ er sich darauf ein, seinen Körper in der Übung des Sitzens in der Stille genau zu beobachten: Was geschieht, wenn ich eine Störung wahrnehme wie Husten oder die Erinnerung an eine ärgerliche Person oder eine frustrierende Erfahrung. 

Jeder Muskel in ihm verkrampfte sich, alles zieht sich zusammen und eine Woge von Zorn überflutete ihn. Diese Anspannung, die bis zu einem körperlichen Schmerz ging, ebbte erst ab, wenn er sich auch innerlich entspannen konnte. 

Der Mann merkte, wie sein Körper sich in einen Spiegel verwandelte und ihm zeigte, wie er von diesen spannungsreichen Gefühlen vollkommen beherrscht wurde. 

Er entdeckte, dass er immer versucht hatte und das auch immer noch tat, alles unter Kontrolle zu haben. 

Durch diese Übung nahm er als erstes wahr, dass er sein Leben eben nicht im Griff hatte. Erstaunlicherweise legten sich Wut, Selbstvorwürfe und viele negative Gedanken, die ihn wie Schlingen festhielten, lockerten sich langsam. 

Ich denke, dieser Mann kann für uns ein Vorbild sein. Um sich den eigenen Ängsten und Sorgen zuzuwenden, braucht es Mut – und es ist alles andere als leicht. 

Wir fürchten uns davor, unsere eigenen Ängste anzusehen, weil wir fürchten, sie nicht auszuhalten. 

Doch diejenigen, die sich auf den Weg zu ihren eigenen Ängsten gemacht haben, die nicht vor ihren Ängsten davonlaufen, die ihre eigenen Ängste akzeptieren, vor ihnen nicht davonlaufen, die schaffen Licht in den dunklen Wäldern ihres Herzens. 

Für die einen bedeutet es, achtsam wahrzunehmen, wann man sich überfordert fühlt und es auch zuzulassen, Für einen anderen bedeutet es einen gelasseneren Umgang mit seinen Gegnern zu finden. Für alle, die sich auf diesen Weg einlassen, bedeutet es, Heilung und Befreiung von den Dämonen, die uns in unseren Ängsten und Spannungen festhalten. 

„Die Kunst des Lebens besteht weder darin, sich sorglos treiben zu lassen, noch darin, ängstlich an allem festzuhalten. Lebenskunst heißt, jedem Augenblick gegenüber sensibel zu sein und ihn als einzigartig zu betrachten.“ Das können wir jeden Tag tun.

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