Dienstag, Juni 9, 2026
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UNTERWEGS ZUR SEELE – Dafür lohnt sich die Anstrengung

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Sigrid Reihs. © Thomas Schmithausen

Eine Kolumne von Sigrid Reihs

Wann wünschen Sie sich, dass alle sehen, was Sie tun? 

Ich gehöre ja zu einer Generation, die noch ohne Social Media große geworden ist. Ich bin noch so groß geworden, dass es nicht üblich war, alle Welt sieht, was ich tue. 

Heute hat sich das insofern geändert, weil viele von uns wollen, dass Dinge, die wir toll finden und tun oder so tun, nicht verborgen bleiben. 

Alle sollen uns mit dem in Verbindung bringen, was wir getan haben. 

Anscheinend hat sich da etwas grundlegend geändert, denn jetzt fühlen sich die meisten dabei richtig wohl. Die Zahl der Follower ist ein Erfolgsmerkmal. 

Allerdings haben wir jetzt das Problem, das auch die Dinge, für die wir uns schämen, nicht mehr so einfach zu verbergen und zuzudecken sind. Dann sind wir vielleicht sogar dankbar dafür, dass es trotzdem so etwas wie Blindheit bei uns gibt; das manche Dinge einfach nicht gesehen werden. Zugleich sind wir trotz aller Bilder und Fotos im Netz aber auch enttäuscht, dass manche Dinge nicht gesehen werden; dass unsere Mitmenschen oft blind sind für das, was wir brauchen. 

Diese Blindheit ist ja weit verbreitet. Warum sonst heißt es so oft: „Sag mal, bist du blind?“, „Brauchst du ne Brille, oder warum kriegst du gar nichts mit?“, „He, du Blindfisch, merkst du es noch?“ 

Jede von uns hat ja ihre blinden Flecken; die Dinge, die sie auf gar keinen Fall sehen möchte. 

Ich weiß nicht, welche blinden Flecken Sie haben; manche meiner eigenen blinden Flecken kenne ich. Mit ihnen lebe ich gut – auch wenn ich weiß, dass ich da manchmal ziemlich unehrlich mit mir selbst bin. 

Ich merke es besonders gut, wenn mich meine Tochter genau an dieser Stelle trifft. Wenn sie genau meinen blinden Fleck trifft: sie ist so jung in meinen Augen und hat noch so viel Leben vor sich. Darum beneide ich sie – und immer dann, wenn sie genau das auslebt, dann merke ich, wie sehr ich sie beneide: diese Freiheit, diese Lebensfreude, diese Neugierde auf alles, was passiert – beneidenswert. 

Und ich habe nicht mehr mein ganzes Leben vor mir, 

Ich trage viel mehr die Erfahrungen meines Lebens mit mir herum, all das, was nicht gelungen ist, meine Misserfolge und Niederlagen. 

Das will ich gar nicht sehen; auf diesem Auge bin ich ganz gerne blind. 

Diese Blindheit hilft mir, mich zu verschließen vor den anderen, und auch vor mir selbst. 

Diese Blindheit hilft mir, mich unverletzlich zu machen – und wer will schon verletzbar sein? 

Doch wenn man sein Leben lang so lebt, dass man blind ist für die eigenen Schwächen und Verletzungen; blind ist für das, was man den anderen angetan hat oder ihnen jeden Tag neu antut, dann mag das cool sein, aber es ist kein lebendiges Leben. 

Was wäre, wenn mir auf einmal zutrauen würde, mir die Kraft gäbe, ohne blinde Flecken zu leben. 

Was wäre, wenn ich auf einmal mit offenen Augen leben würde; alles wahrnehmen, was geschieht und damit die Höhen und Tiefen des Lebens auch wahrnähme.

Dazu gibt es ein schönes Märchen, dass ich gerne erzählen möchte, weil es einen Eindruck von dieser Phase des Lebensweges gibt.

„Aufgrund eines Fehlers ihrer Eltern wird Prinzessin Aris mit einem schrecklichen Drachen verlobt. Sie ist zu Tode erschrocken, als der König und die Königin ihr dies endlich erzählen. 

Doch sie hat zugleich eine gute Idee. Sie besucht auf dem Markt eine weise alte Frau, die zwölf Kinder und neunundzwanzig Enkel großgezogen hat und sich mit Drachen und Männern bestens auskennt.

Die weise Frau verrät Aris, dass sie den Drachen zwar heiraten muss, doch sei das nicht so schlimm, wenn sie sich ihm auf die richtige Weise nähere. Dann gibt sie Anweisungen für die Hochzeitsnacht, in der die Prinzessin unbedingt zehn herrliche Kleider übereinander anziehen soll.

Die Hochzeit findet statt. Es wird im Palast bis spät in die Nacht gefeiert, und dann nimmt der Drache die Prinzessin mit auf sein Zimmer. Als er sich seiner Liebsten nähert, bremst sie ihn unter dem Vorwand, dass sie zuerst ihr Hochzeitskleid ablegen müsse, bevor sie ihm zu Willen sein kann. Und auch er müsse sich, so fügt sie hinzu, vollständig entkleiden: „Du musst ebenso viel ausziehen wie ich.“ Damit ist er einverstanden.

Also zieht sie ihr erstes Kleid aus. Dann sieht die Prinzessin zu, wie der Drache sein oberstes Schuppengewand ablegt. Es ist ihm zwar unangenehm, aber er hat das schon zuvor gelegentlich getan. Die Prinzessin zieht ein weiteres Kleid aus und dann noch eines. Jedes Mal muss der Drache eine weitere Haut abstreifen. Bei der fünften Häutung rinnen ihm vor Schmerz die Tränen nur so herunter. Doch die Prinzessin fährt fort. Die Hautschichten des Drachen werden immer feiner und seine Gestalt zartgliedriger. Er wird immer durchsichtiger. Als die Prinzessin ihr zehntes Kleid auszieht und sich der Drache ein letztes Mal häutet, verschwindet die Drachengestalt völlig und ein Mann erscheint, ein edler Prinz, dessen Augen glänzen wie die eines Kindes. Endlich ist er vom Drachenfluch erlöst. Prinzessin Aris und ihr frisch gebackener Ehemann genießen die Freuden der Hochzeitsnacht.“ 

Ein wunderschönes Märchen, das aber zugleich eines klar macht: 

Der Weg zum Leben ohne blinde Augen ist keine Vergnügungsreise. Die Kräfte unserer menschlichen Geschichte sind stark, unsere Verstrickungen hartnäckig. 

Wer nicht mehr blind sein will, muss sich läutern. 

Der einzige Trost ist, dass alle da durch müssen. 

Es schmerzt, wenn man auf einmal seine Augen aufmacht, und sieht, wer man selbst ist und wie man in den Augen der anderen aussieht. 

Die Drachen, die den Weg bewachen, sind gefährlich. 

Ohne das Vergießen bitterer Tränen geht es nicht. Doch um nichts anderes geht es, wenn es um Erbarmen geht. 

Wer ohne Blindheit mit offenen Augen auf sich selbst sieht und auch auf seine Umgebung sieht, merkt, wie stark die Drachen sind. 

Die große Verheißung, dieses Blicks auf sich selbst ohne Blindheit, ist, dass wir  die Blinden und die Armen und die Bedürftigen voller Liebe anschauen können und ihnen die Kraft geben, mit ihren Schwächen zu leben. Darum heißt es am Ende der Geschichte von Aris: Der Drachenfluch war vorbei. 

Dafür lohnt sich die Anstrengung.

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