Mittwoch, Juni 17, 2026
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UNTERWEGS ZUR SEELE – Leben in der Zeit!

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Sigrid Reihs. © Thomas Schmithausen

Eine Kolumne von Sigrid Reihs

Guten Tag, heute habe ich meinen kurzen Impuls überschrieben mit dem Satz „Leben in der Zeit!“.
„Leben in der Zeit“ – das sind zwei Worte, die zum Beispiel in der Bibel, ich bin ja evangelische Pastorin, immer wieder auf unterschiedliche Weise zusammengebracht werden.
Von dem alten Abraham heißt es, dass er alt und lebenssatt starb, was nichts anderes bedeutet, als dass er seine Zeit zum Leben voll ausgekostet hat. Und dann war seine Zeit zum Leben zu Ende.
Und von Sarah, seiner Frau, heißt es an einer anderen Stelle in der Bibel, dass sie laut lachen musste, als man ihr im hohen Alter noch vorhersagte, dass sie ein Kind gebären würde. Die Zeit für diese Lebensphase war nach ihrer Auffassung vorbei.

Im neuen Testament heißt es an einer Stelle „als die Zeit erfüllt war“. Das heißt: Es gibt einen Moment, in dem alles zusammenpasst, in dem Leben und Zeit zusammenkommen. Dieses ist die Sehnsucht für die meisten Menschen, dass sie diese Erfahrung machen, dass in einem Moment Zeit und Leben zusammenkommen.
Ich kann nur sagen, ich empfinde oftmals diese Sehnsucht, dass es diesen Moment, diese gefüllte Zeit geben könnte.

Und es gibt einen Vers, den die meisten kennen, weil er im Alltag immer wieder zitiert wird, der aber aus der Bibel stammt: „Alles hat seine Zeit.“ Das bedeutet nichts anderes, als eigentlich die Aufforderung, achtsam darauf zu sein, was jetzt gerade dran ist.

Martin Luther hat über diesen Vers einmal gesagt, er komme rüber wie auf Socken, er habe weder Stiefel noch Sporen an. Damit meinte er nicht, dass er so friedlich sei, dieser Satz, sondern eher, dass er seicht sei, etwas leicht, leisetreterisch, keinen Biss habe, gleichsam auf Filzpantoffeln daherkäme, dem Inbegriff der Langeweile.

Aber ich glaube, dass man diesen Satz sehr unterschiedlich verstehen kann; einmal so, dass es für alles in meinem Leben eine bestimmte, eine gute Zeit gibt, einen idealen Zeitpunkt, um Dinge anzugehen, um Entscheidungen zu treffen und mein Leben in die Hand zu nehmen.
Und man kann diesen Satz auch so verstehen: Was ist eigentlich Zeit?

Zeit ist vielleicht keine Schnellstraße zwischen Wiege und Grab, sondern eher ein Platz zum Parken in der Sonne. Ich finde, das ist eine wunderbare Antwort auf die Frage nach der Zeit, sich einladen zu lassen, für einen Augenblick – und diesen bewusst zu erleben mit wachen Sinnen; bewusst wahrzunehmen, wie es ist.
Ich möchte jeden einladen, sich einmal zu erinnern an diese wunderbaren Momente im eigenen Leben. Ich bin sicher, dass jeder und jede solche wunderbaren Momente in seinem und ihrem Leben hatte und sich an sie erinnern kann. Aber es ist nicht immer wunderbar, was ja auch gut ist, denn sonst könnten wir sie gar nicht voneinander unterscheiden.
Es gibt Zeiten, da ist das Leben sehr dunkel. Aber es gibt eben auch diese anderen Zeiten, in denen alles passt.
Für viele Menschen ist dieser Satz „Alles hat seine Zeit“ nur wenig Trost, gerade dann, wenn sie nach Sinn suchen für das, was ihnen gerade Leid bringt, weil sie eventuell nicht wieder gesund werden oder weil ihnen der Sinn in ihrem Leben gerade verloren gegangen ist, und sie sich dann die Frage stellen: „Ist mein Leben nicht vergeudet?“
Genau demgegenüber sagt dieser Satz, sagt diese Botschaft: Es gibt für jedes seine Zeit!
Und wir sind aufgefordert, vielleicht zu fragen, was ist jetzt gerade an der Zeit? Damit geht es nicht darum, alles hinzunehmen, wie es ist, sondern viel eher zu fragen, was ist jetzt gerade dran? Manchmal ist die Antwort auf die Frage, was jetzt gerade dran ist und was auch gleichzeitig passiert: Es ist im Moment einfach Scheiße! Dann ist genau das auch dran. Niemand kann die Momente des Glücks für immer festhalten, aber auch die Momente des Leidens dauern nicht ewig; auch sie haben ihre Zeit. Und etwas, was seine Zeit hat, ist eben nicht ewig.
Alles hat seine Zeit bedeutet die Einladung zu Gelassenheit und zu Vertrauen. Zu vertrauen darauf, dass unser Leben gelingen kann, weil uns wieder Momente des Glücks beschert werden. Das kann meinem Leben eine ganz andere, eine weite Perspektive geben.
Ich muss nicht ständig meines Glückes Schmied sein. Ich kann darauf vertrauen, dass eine achtsame Wahrnehmung der Zeit meines Lebensdazu führt, dass es immer wieder Momente dieses Glücks gibt. Das entlastet mich von vielem und ich muss auch nicht alles hinnehmen. Diese Einsicht lässt Freude wachsen und Zufriedenheit entstehen. Und genau zu dieser Einsicht und zu dieser Praxis und zu dieser unaufgeregten Haltung möchte ich einladen.

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