Donnerstag, November 5, 2026
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UNTERWEGS ZUR SEELE – Von Müttern und Töchtern

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Sigrid Reihs. Foto: Thomas Schmithausen

Eine Kolumne von Sigrid Reihs

Heute soll es um Mütter und Töchtern gehen. Das ist ein weites Feld, hätte Theodor Fontane gesagt. Es mag auch ein bisschen wundern, denn Mütter und Töchter – das ist kein leichtes Thema – weder für mich noch für die meisten anderen Mütter und Töchter. Ich bin Tochter, war Tochter und das Verhältnis zu meiner Mutter hat sich in all den Jahren meines Lebens sehr verändert. Die vollkommene Angewiesenheit, manchmal auch verknüpft mit dem Gefühl des Ausgeliefertseins als kleines Mädchen hat sich verändert. Da gab es Phasen der Enttäuschung und des sich Verlassens Fühlens, wenn meine Mutter mich in meinen Lebenskrisen nicht so begleitet hat, wie ich es mir gewünscht habe und wie ich es vielleicht gebraucht hätte. Und da gibt es auch das Gefühl der Distanz, als meine Mutter krank zum Tode war und nicht mit mir darüber sprechen wollte. Also: eine schwierige Beziehung. 
Und ich bin zugleich Mutter von zwei Töchtern. Und auch da bewege ich mich auf schwankendem Boden. Als meine ältere Tochter klein war, völlig auf mich angewiesen, habe ich mich oft überfordert gefühlt. Überfordert vielleicht am meisten durch meine Allmachtsphantasien, dass nämlich alles, wie sich entwickelt und w3as aus ihr wird, von mir abhängt. Jeder Mißerfolg meiner Tochter war für mich ein Hinweis darauf, dass ich mich nicht genug um sie gekümmert habe, zumal alle anderen Mütter um mich herum mir den Eindruck vermittelten, sie würden alles viel besser machen als ich und es auch viel besser hinbekommen. Und als sie dann gleich nach ihrem Schulabschluss auszog, um auf eigenen Füßen zu stehen, war ich auf der einen Seite stolz und froh und zugleich fühlte ich mich in Frage gestellt. Sie kann ja gar nicht schnell genug weg von dir. Also: eine schwierige Beziehung. 
Und dann fiel mir noch ein weiteres Thema ein, das mich ebenso tief berührt hatte, weil es mir gar nicht passte. Es erinnerte mich an Mutterkult, an die schwierigsten Phasen der deutschen Geschichte, wo das Muttersein als solches einen besonderen Wert darstellte und mit einer ausreichenden Zahl von Kindern mit einem Orden belohnt wurde. Und heute gibt es genau wieder Bewegungen, die in diese Richtung gehen. Muttersein als solches als das, was Frausein ausmachen sollte. Schwierig, schwierig. 
Nun sind mir in meiner Phase des Nachdenkens auch einige biblische Frauengestalten, Mütter in den Sinn gekommen, die vielleicht einen Hinweis darauf geben, wie eine Beziehung zwischen Mutter und Tochter, zwischen Müttern und Töchtern, zwischen Großmutter und Tochter und Ekeltochter auch betrachtet werden kann. 
Mütter, Töchtern und Großmütter tauchen immer wieder auf, spielen eine wichtige Rolle und bleiben trotzdem oft namenlos. 
Ganz am Anfang der Bibel gibt es Eva. Eva, die erste Mutter. Sie, die Mutter von Kain und Abel sorgt dafür, dass diese Menschheit überhaupt in Bewegung kommt, ins Leben hineinkommt. Aber in der Geschichte ist sie auch dafür verantwortlich, dass das Paradies verlorengeht. Das hat man ihr immer nachgetragen. Also: dieses Muttersein auch eine schwierige Geschichte. 
Dann gibt es die Sarah, die Frau Abrahams, die besonders dadurch bestimmt ist , dass sie gelacht hat, als Männer ihr erzählen, dass sie in hohem Alter noch ein Kind bekommen würde. 
Sie bekommt es und wird dadurch zu einer zentralen Figur in der biblischen Geschichte und letztlich auch zu einer zentralen Figur in der Menschheitsgeschichte. Und Sarah ist zugleich immer wieder diejenige in der Geschichte, die als Mutter für ihr Kind kämpft und die dabei die Solidarität mit anderen Frauen in Frage stellt. 
Mutter oder Tochtersein bedeutet für Frauen eine schwierige Herausforderung zu meistern. Sicherlich gilt das nicht für alle, aber insgesamt betrachtet sind sie diejenigen, von denen erzählt wird, dass sie die Erinnerung, die Erinnerung an das Leben und an die Werte, auf denen unser Leben aufbaut, übermitteln und auch wachhalten. Es sind Mütter und Großmütter, die in der Regel garantieren, dass etwas von der Tradition, von der Geschichte in die nächste Generation hinübergeht. Und es sind Mütter und Großmütter, die an ihre Töchter, aber auch an ihre Söhne weitergeben, worauf es sich lohnt zu vertrauen. 
Fast scheint es so, als deshalb davon erzählt wird, weil eigentlich immer wieder alle Menschen davon berührt sind, dass Mütter und Großmütter ihren Töchtern und Söhnen diese Werte weitergeben. Wir erinnern uns manchmal mit Tränen daran, dass es genau unsere Großmütter und Mütter waren, die uns ganz selbstverständlich bestimmte Dinge mitgegeben haben. 
Die meisten von uns können sich an Situationen mit ihren Müttern erinnern, in denen sie freundlich oder auch zärtlich waren, sensibel und liebevoll besorgt, auch wenn die anderen Erinnerungen ebenso vorhanden sind. 
Wir alle können eigentlich nicht leben oder uns unser Leben vorstellen ohne unsere Mütter. Die Erinnerung an unsere Mütter lässt die Frage aufkommen, wer uns denn Kraft zum Leben geben könnte, die Kraft zum Leben, die wir haben und die wir manchmal sorgsam bewahren müssen. Vielleicht waren es ja gerade unsere Mütter und Großmütter, die uns mit diesem Vertrauen ins Leben bekannt gemacht haben, die uns in die Kette der Tradition gestellt haben, die uns zu denen gemacht haben – vielleicht sogar in der Abwehr – die wir heute sind. Und dafür, denke ich, können wir in der Tat, unseren Müttern danken, die uns etwas übermittelt haben, die uns angerührt haben, dadurch, wie sie uns Leben und Glauben gebracht haben. 
Ich erinnere mich an viele Mütter, Großmütter und Frauen, die genau dieses getan haben, die eine wichtige Übermittlerinnen Funktion wahrgenommen haben. Und von einer, einer kanadischen Frau namens Lois stammt ein Segensspruch, der selber schon wieder eine Tradition gebildet hat, eine Perlenreihe in der Kette der Überlieferungen. 
Der Segen des Gottes von Sarah und Abraham
Der Segen des Sohnes, von Maria geboren
Und der Segen des Heiligen Geistes, der über uns wacht, wie eine Mutter über ihre Kinder, sei mit euch allen. 
Vielleicht lässt es sich so mit der eigenen Rolle als Mutter und Tochter ganz gut leben. Dazu möchte ich einladen.

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