Von Sigrid Reihs
Ich wage zu behaupten, dass wir viele von uns sich absolute Sicherheit in ihrem Leben wünschen. Und je schwieriger die Zeiten in unserem Leben, desto mehr Bedürfnis nach Sicherheit. Wer wünschte sich nicht immer festen Boden unter seinen Füßen?
Gleichzeitig machen wir die Erfahrung, dass die Dinge, von denen wir uns Sicherheit versprechen, oft nicht tragen. Wir stehen nicht fest an einem Punkt, sondern wir sind immer in Bewegung. Jeden Moment ändert sich etwas.
Und genau diese Spannung zwischen unserer Sehnsucht nach Sicherheit und die Erfahrung, dass alles im Fluss ist, macht uns das Leben so anstrengend; genau deshalb leiden wir so oft darunter, dass es gerade so ist, wie es ist.
Wir haben eine tiefsitzende Angst vor unserem wirklichen Leben, in dem sich die Dinge ständig ändern.
Aber wie können wir trotzdem voll und ganz leben?
Eine Möglichkeit ist, eine tolerante Haltung gegenüber der Ungewissheit und der Instabilität einzunehmen.
Wie wäre es, wenn wir uns anfreunden, damit, dass es jeden Tag etwas gibt, was wir nicht vorhergesehen haben. Dass wir uns mit dieser Ungewissheit anfreunden.
Das wäre doch ein unglaublicher Sprung ins Leben – keine Angst mehr davor haben, dass etwas Unerwartetes geschieht.
Wie wäre es, wenn wir eine geradezu leidenschaftliche Beziehung zur Ungewissheit entwickeln: ich weiß nicht, was geschieht, aber ich gehe leidenschaftlich darauf zu.
Ich will gar nicht so tun, als wäre eine solche Haltung ganz einfach.
Manchmal kann man da ganz viel von kleinen Kindern lernen. Mein Enkel ist ein normales Kind, das mittlerweile in die Schule geht. Und als er das erste Mal von einer hohen Rutsche herunterrutschen sollte und auch irgendwie wollte, konnte man ihm ansehen, wieviel Respekt er vor dieser Aufgabe hatte. Aber zugleich war bei ihm zu spüren, dass er seine Angst, seine Sorge überwinden wollte; er wollte dieses Abenteuer, diese Reise ins Ungewisse auf jeden Fall machen. Und dann hat er sie gemacht.
Alle Menschen befällt diese Angst, diese Sorge.
Er hat sich nicht entmutigen lassen; er hat sie akzeptiert und dann ist er gerutscht. Es war ein wunderbarer Moment in seinem noch so jungen Leben.
Er hat sein Leben in diesem Moment genossen so wie es war.
Darum geht es: Das Leben genießen so wie es ist!
Unsere Seele ist jeden Tag eingeladen, mit der Bodenlosigkeit zu leben und dabei die Erfahrung zu machen, dass der Boden trägt.
Und so verändert sich die Welt – nicht nur für Kinder.
Muss denn wirklich immer alles in Ordnung sein? Wenn wir uns allein in unseren Wohnungen unter den Anspruch stellen, immer alles in Ordnung zu halten, dann stehen wir ständigunter Druck.
Erst wenn wir uns von diesem Anspruch befreien, dann sind wir auch frei von dem ewigen Kampf gegen die Unordnung.
Freiheit ist das Wort dafür.
So gesehen sind die Krisen in unserem Leben nicht die Katastrophen, die wir überstanden haben, sondern sie sind Geschenke. Unsere festgelegten Meinungen über uns selbst tragen in einer Krise nicht mehr, sie zerbröckeln und wir müssen unsere Rüstungen ablegen, weil sie nicht mehr helfen.
Darum sind die Menschen, die uns ärgern, manchmal die wichtigsten Begleiter und größten Lehrer, die auftauchen, wenn wir sie brauchen.
Vielleicht erinnern Sie sich noch an den Film Titanic mit Leonardo di Caprio und Kate Winslet: die berühmte Szene, die mit dem Satz endet: Ich bin der König der Welt.
Da war bei beiden Angst und zugleich das Gefühl: hier ist das Leben. Beides ist möglich.
Ebenso ist es auch mit unserer Wut: Untersuchungen haben gezeigt, dass diese Emotion maximal 90 sec dauert. Aber in der Regel empfinden wir sie sehr viel länger, weil wir sie ständig wieder befeuern, manchmal ein Leben lang, obwohl sie uns nicht glücklich macht. Darum beginnen wir, sie zu kompensieren mit Essen, Alkohol, Konsum, um sie nicht mehr zu spüren.
Dabei wäre es viel einfacher, sie freundlich zu begrüßen und sie dann auch loszulassen: sich von ihr zu befreien.
Ich möchte alle einladen, einmal einen Tag so zu leben, dass ich jedes Gefühl, das gerade auftaucht, im ersten Schritt anerkenne, ja dazu sage, dass es da ist und es ganz freundlich begrüße wie einen lieben Gast. Mit diesem Gefühl wird sich vermutlich auch die ganze Geschichte, die dazu gehört einstellen. Und dann versuche ich einfach, mich von diesem Gefühl wie von einem Gast, der wieder geht, zu verabschieden ebenso wie von der Geschichte, die dazu gehört.
Ich kann sogar entdecken, wo in meinem Körper, dieses Gefühl wohnt. Schnürt es mir die Kehle zu?, nimmt es mir die Luft zum Atmen?, macht es mir Bauchschmerzen?
Das zu entdecken, ist dann keine Last sondern ein Zeichendafür, dass wir gerade wieder den Boden unter unseren Füßen finden, weil wir uns dann von diesem Gefühl befreien können. Dies ist ein Prozess, in dem unsere Seele frei wird und sich wieder öffnen kann ebenso wie unser Herz und unser geist. „Alles wird dir sein Geheimnis preisgeben, wenn du es nur genügend liebst.“ Dieser Satz von George Washington Carver, einem amerikanischen Verhaltensforscher trifft für unseren inneren Menschen sicherlich auch zu.
Uns selbst zu lieben, bedeutet etwas anderes als sich immer unter Kontrolle zu haben. Wer sich von dem Druck befreit, sein Leben im Griff haben zu müssen, muss sich auch keine Selbstvorwürfe machen und muss auch nicht wütend über die eigenen Niederlagen sein und braucht deutlich weniger negative Gedanken, die ihn oder sie fesseln.
So kann es doch ganz anders Frühling werden.






