
Auf.ruhr-Reihe „Literatur und Leben“ lädt zur Lesung von Wolfgang Borcherts „Die Küchenuhr“ in die Stadtbücherei Schwerte ein
Eine alte Küchenuhr, ein junger Mann und eine scheinbar unspektakuläre Erinnerung: Wolfgang Borcherts Kurzgeschichte „Die Küchenuhr“ gehört zu den bekanntesten Texten der deutschen Nachkriegsliteratur. Am Dienstag, 22. September, steht sie im Mittelpunkt der nächsten Veranstaltung der Reihe „Literatur und Leben“ des Kulturteams auf.ruhr. Beginn ist um 18.30 Uhr in der Stadtbücherei Schwerte im City-Center an der Hagener Straße 7.
Dabei soll es nicht allein um die literarische Qualität der Erzählung gehen. Vielmehr möchte das auf.ruhr-Team gemeinsam mit den Gästen darüber sprechen, welche Gedanken und Fragen Borcherts Text auch mehr als 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auslöst. Die Moderation übernehmen erneut Hartmann Schimpf und Brigitte Fritz, die das Publikum zu einem offenen und lebendigen Gedankenaustausch einladen.
Ein kleiner Gegenstand mit großer Bedeutung
„Die Küchenuhr“ ist eine kurze Erzählung – und gerade deshalb entwickelt sie ihre Wirkung mit großer Intensität. Borchert erzählt in einer schlichten, beinahe nüchternen Sprache von einem jungen Mann, der nach der Zerstörung seines Elternhauses nur einen Gegenstand retten konnte: eine Küchenuhr.
Was zunächst wie eine belanglose Kleinigkeit erscheint, wird für den jungen Mann zum Symbol einer verlorenen Welt. Die Uhr steht für einen ganz bestimmten Moment, für Geborgenheit und für ein Zuhause, das nicht mehr existiert. Inmitten der Zerstörung bekommt etwas Alltägliches plötzlich einen unschätzbaren Wert.
Borcherts Erzählung gehört zur sogenannten Trümmerliteratur, die in den Jahren nach 1945 entstand. Viele Schriftsteller dieser Zeit beschäftigten sich mit den Erfahrungen von Krieg, Zerstörung, Schuld, Verlust und einem Leben, das nach dem Zusammenbruch neu beginnen musste. Dabei verzichteten Autoren wie Borchert häufig auf große Worte und pathetische Aussagen. Stattdessen rückten sie die kleinen Dinge und persönlichen Schicksale in den Mittelpunkt.
Eine leise Anklage gegen den Krieg
Gerade diese Zurückhaltung macht „Die Küchenuhr“ bis heute so eindringlich. Der Krieg wird nicht durch Schlachtenszenen oder politische Reden beschrieben. Er wird durch das sichtbar, was er im Leben eines einzelnen Menschen hinterlässt: ein zerstörtes Zuhause, verlorene Angehörige und Erinnerungen an eine Zeit, in der das Leben noch selbstverständlich und sicher erschien.
So wird die Geschichte zu einer stillen Anklage. Sie zeigt, dass die Folgen eines Krieges weit über zerstörte Gebäude und materielle Verluste hinausreichen. Sie hinterlassen Spuren in den Biografien der Menschen – und können deren Vorstellung von Heimat, Familie und Glück für immer verändern.
Damit berührt Borcherts Geschichte Fragen, die keineswegs ausschließlich der Vergangenheit angehören. Was bleibt einem Menschen, wenn alles Vertraute verloren geht? Welche Bedeutung haben Erinnerungen? Was macht ein Zuhause aus? Und welchen Wert bekommen scheinbar alltägliche Dinge, wenn das eigene Leben plötzlich aus den gewohnten Bahnen gerissen wird?
Literatur als Gespräch über das Leben
Genau an diesem Punkt setzt die Reihe „Literatur und Leben“ an. Literatur soll hier nicht lediglich gelesen und interpretiert werden. Sie soll Anlass sein, miteinander ins Gespräch zu kommen, eigene Gedanken zu entwickeln und unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen.
Das Moderatoren-Team Hartmann Schimpf und Brigitte Fritz möchte deshalb ausdrücklich einen offenen Austausch ermöglichen. Die Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, ihre persönlichen Eindrücke einzubringen, Fragen zu stellen und miteinander über die Themen zu diskutieren, die der Text aufwirft.
Gerade „Die Küchenuhr“ bietet dafür zahlreiche Anknüpfungspunkte. Erinnerung und Verlust gehören ebenso dazu wie die Frage, was Menschen auch unter schwierigsten Bedingungen Hoffnung und Halt geben kann. Gleichzeitig eröffnet die Geschichte einen Blick auf die Erfahrungen einer Generation, die Krieg und Zerstörung unmittelbar erlebt hat.
Dass ein literarischer Text aus der unmittelbaren Nachkriegszeit auch heute noch Gesprächsstoff liefert, zeigt, wie zeitlos gute Literatur sein kann. Borcherts Geschichte erzählt von einer konkreten historischen Situation – spricht dabei aber grundlegende menschliche Erfahrungen an, die unabhängig von Zeit und Ort verständlich bleiben.
Eintritt frei
Die Veranstaltung findet in Kooperation mit der Stadtbücherei Schwerte statt. Der Eintritt ist frei. Wer die ehrenamtliche Kulturarbeit des auf.ruhr-Teams unterstützen möchte, kann die Arbeit mit einer Spende fördern.
Die Veranstalter freuen sich auf zahlreiche Besucherinnen und Besucher und auf einen Abend, an dem nicht nur Literatur gelesen, sondern auch über das Leben, Erinnerungen, Verlust und die Bedeutung scheinbar kleiner Dinge gesprochen wird.
„Literatur und Leben: Die Küchenuhr“
Dienstag, 22. September 2026, 18.30 Uhr
Stadtbücherei Schwerte, City-Center, Hagener Straße 7, 58239 Schwerte
Eintritt frei





