Eine Kolumne von Sigrid Reihs
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Guten Tag,
heute möchte ich mit Ihnen darüber sprechen, ob Sie schon einmal die Erfahrung gemacht haben: Ihr Leben ist wie eine Baustelle.
Klingt vielleicht auf den ersten Blick oder beim ersten Hören etwas merkwürdig, aber das ist doch so.
Wir verändern uns ständig. Wir oft hören wir den Satz: „Du hast dich aber verändert!“ „Du siehst ganz anders aus!“ „Du bist größer geworden, dicker, dünner!“ Was weiß ich?
Und das Gute daran ist doch, dass die anderen wahrnehmen, dass wir uns verändern. So nervig das auch manchmal sein kann, aber das wichtige ist doch, dass wir wertschätzen sollten: wir werden wahrgenommen, wir werden angesprochen, wir werden auch ernst genommen in dieser Veränderung. Und diese ständige Veränderung ist ja durchaus das, was man beschreiben könnte mit, dass unser Leben eine Baustelle ist; dass wir ständig etwas verändern.
Wenn man ein Haus baut oder umbaut, macht das nicht so viel Spaß, dass es ständig Veränderungen gibt. Man sehnt sich danach, dass es endlich fertig ist und dass es keine Veränderungen gibt.
In unserem Leben ist das, glaube ich, etwas anders. Wir renovieren uns manchmal. Und in der Regel suchen wir danach, es hinzukriegen, dass wir einen Ort finden, auch bei uns selbst, an dem wir gerne leben wollen. Einen Ort mit uns selbst finden wollen, in dem wir uns gut einrichten können und zuhause sein können.
Und zu diesem Thema „Das Leben ist eine Baustelle“ gehört natürlich auch, dass wie bei jeder normalen Baustelle, niemand von uns allein baut, sondern dass wir immer nur in Gemeinschaft bauen können. Jeder und jede auf seine Weise. Manche sind dafür zuständig zu planen, und andere, das alte Gebäude einzureißen.
Insgesamt geht’s aber immer darum, mit anderen gemeinsam auf dem Wege zu sein, diesen Bau in irgendeiner Weise zu gestalten. Und: wir brauchen Hilfe beim Bauen. Also, ich kann nicht allein umbauen. Das hat etwas mit meinen fehlenden handwerklichen Fähigkeiten zu tun, aber es hat auch etwas damit zu tun, dass keiner von uns, alles allein kann. Was uns eigentlich dazu auffordert, sehr genau in den Blick zu nehmen, wer kann mir eigentlich helfen in meinem Leben. Wen brauche ich eigentlich, damit es mir gut geht. Und wem kann ich vertrauen und wem möchte ich auch so vertrauen, dass diese Baustelle meines Lebens einen guten Weg geht.
Wir brauchen jemanden, der uns zuhört und uns unterstützt bei unserem Tun. Und wir brauchen auch jemanden auf dessen Worte wir hören können und der uns das Gefühl gibt: wir haben festen Boden unter unseren Füßen. Ich denke, darauf achtzugeben, wer schenkt mir denn diesen festen Boden unter meinen Füßen, zu wem habe ich Vertrauen, ist die Voraussetzung dafür, dass wir mit unserem Leben, der Baustelle unseres Lebens gut zurechtkommen.
Zugleich bedeutet es, dass wir uns auf den Weg machen können, dass wir den Bau riskieren können; dass wir uns nicht davon abhalten, auch wenn wir keinen endgültigen Plan haben, selbst dann, wenn es manchmal das Gefühl gibt: eigentlich habe ich gar keinen Bock, irgendetwas zu verändern.
Nur wenn wir dieses Vertrauen zu jemandem haben und wir das Gefühl haben, dass wir auf festem Boden stehen, dann kann es gutgehen mit dieser Baustelle und es kann uns gelingen.
Wichtig ist es bei unserem Lebensbau, denke ich, dass wir davon geprägt sind, von dem Wunsch geprägt sind, dass unser Leben nicht den Bach runtergehen soll. Und dass uns etwas in unserem Leben ganz besonders wichtig ist. In Religionen spricht man davon, dass uns etwas heilig ist.
Ich möchte jeden und jede einladen, danach zu suchen, was ihr denn heilig ist; was jemand in seinem Leben auf gar keinen Fall verlieren möchte; was in jedem Fall nicht kaputt gehen darf. Dazu braucht man das Vertrauen, dass mir niemand einreden darf, dass ich darauf verzichten könnte.
Ich stehe fest auf dem Boden, der mich trägt. Diese Erfahrung zu machen, ist die wichtigste Voraussetzung, um die Baustelle meines Lebens gut zu bewältigen.
Viele werden sich vielleicht daran erinnern, dass sie irgendwann mal angefangen haben, dass Besitz und Geld doch ein wunderbares Ziel in ihrem Leben sein könnten; aber der ein oder andere hat dann im Laufe der Zeit gemerkt, dass dieses Ziel nicht das verheißt, was man sich gewünscht hat. Es gibt keine Sicherheit und in der Regel noch nicht einmal Glück.
Es gibt Unsicherheit und manchmal auch eine große Instabilität, weil man ja jeden anderen immer mit Misstrauen beachten muss.
Darum gehört zum Weiterbauen unseres eigenen Lebens auch zu prüfen, was wir besitzen und zu prüfen, ob wir nicht besessen werden.
Unser Besitz, alles, was wir haben, kann eine Tür sein, die wir nach außen öffnen und andere einladen. Dann ist das wunderbar. Ich möchte jeden und jede ermutigen, mit dem, was sie haben, genauso umzugehen.
Es braucht eine große Hoffnung, dass auch dann, wenn es irgendwie mal schwierig wird, wenn Ängste da sind, dass es in unserem Leben wieder gut werden kann. Und diese Hoffnung ist verknüpft mit der Erfahrung, dass der feste Grund, auf dem wir stehen, nicht verloren gehen kann.
Für Christen und Christinnen und auch für Menschen in anderen Religionen ist dieser feste Grund in der Regel ihr Glauben. Wie er sich genau darstellt, will ich gar nicht beschreiben. Das kann jeder und jede nur alleine, für sich sagen. Aber dieser feste Grund, auf dem wir stehen, ermöglicht die Hoffnung, dass es auf jeden Fall wieder gut werden kann. Das kann die Kraftquelle sein. In der Poesie spricht man davon, dass diese Kraftquelle das Fenster zum Himmel ist. Dazu möchte ich jeden und jede einladen. Unser Leben ist eine Baustelle, aber das bedeutet auch, dass wir getrost in die Hände spucken können und loslegen können und das ist in diesen Tagen wohl nicht ganz so unwichtig und ich freue mich über jeden und jede, die sich darauf einlassen.






