Von Sigrid Reihs
Viele von uns beginnen das neue Jahr mit guten Vorsätzen: mehr Sport, weniger Alkohol, weniger Streit und mehr Ruhe. Manchmal steht am Anfang eines neuen Jahres auch ein richtiger Plan für ein großes Projekt: am 31.12. des begonnenen Jahres laufe ich einen Marathon, oder ich habe endlich ein Haus gebaut oder, oder, oder…
Auch ich mache gerne solche Pläne am Beginn eines neuen Jahres. Ich finde, es ist eine gute Idee, um mir und meinem Leben eine innere Struktur zu geben.
Es ist eine gute Idee, damit ich mich nicht völlig verliere in den vielen Anforderungen und Impulsen, die mir jeden Tag begegnen und die mich mit ihren Verheißungen locken, verlocken, ihnen zu folgen, ohne dass ich sicher bin, dass sie mir auch wirklich guttun.
Jetzt höre ich schon die kritischen Fragen: Brauche ich auch einen Plan für ein Leben, das mir guttut?
Auf diese Frage antworten alle Religionen mit einem eindeutigen Ja.
Etwas tut mir gut, weil es meine Sehnsucht erfüllt, eine Verletzung heilt, mich von dem befreit, was ich die ganze Zeit mit mir herumschleppe und ich nicht loslassen kann.
Bei genauerem Hinsehen können wir entdecken, dass der Plan für ein Leben, das mir guttut vor allem darin besteht, auch unsere Fehler und unsere Trauer, unseren Schmerz als Teil von uns zu umarmen.
Dieser liebevolle Umgang mit uns selbst bedeutet, dass wir die Hoffnung auf eine bessere Vergangenheit aufgeben. Aus diesem Grunde ist es von zentraler Bedeutung, dass wir uns selbst vergeben können. Wenn wir einen ehrlichen Blick auf unser Leben werfen, sehen wir, welche Ängste und Sorgen dazu geführt haben, dass wir Entscheidungen getroffen haben, die falsch waren, die wir uns selbst nur schwer verzeihen können.
Jede und jeder, die eine schmerzhafte Trennung hinter sich haben, kennt sicherlich diese bohrenden Fragen, die man sich selbst stellt:
Warum habe ich nicht eher gesehen, dass da etwas schiefläuft? Warum habe ich mich so verletzen lassen?
Warum ist mir so viel Unrecht widerfahren, obwohl ich doch alles getan habe?
All diese Fragen sind Ausdruck unserer tief verletzten Seele, die sich nach Heilung, nach dem Ende des Schmerzes sehnt. Gerade weil dieser Schmerz so tief ist, brauchen wir Übung und Zeit, uns selbst zu vergeben.
Wirklich anzunehmen, dass man die Vergangenheit nicht ändern kann, ist – soweit ich das sehe – auch immer wieder Thema in Pop-Songs. Die besten von ihnen überdauern viele Jahrzehnte:
„I did it my way“ von Frank Sinatra oder „Je ne regrette rien“ von Edith Piaf. „Ich habe alles durchgestanden – ohne Ausnahme“. „Ich hatte oftmals Zweifel – ich habe die Suppe ausgelöffelt und auch wieder ausgespuckt. Ich habe mich allem gestellt“. Das war und ist mein Leben.
Für unsere tief verletzte Seele ist ein Jahr der Übung, sich mit unseren eigenen Verletzungen, Verirrungen und Fehlern anzufreunden, nicht sehr lang.
Ein erster Schritt, um unsere tief verletzte Seele zu heilen, ist, dass wir uns von unserer Vergangenheit verabschieden.
Für die Abschiede von anderen haben wir in unserer Tradition einige Rituale.
Wir haben Orte, an die wir gehen können, um uns an Menschen zu erinnern, die wir loslassen mussten.
Wir haben Lieder, die wir singen können oder hören, die uns beim Abschied von anderen helfen.
Wir zünden Kerzen an, weil wir mit ihrem Licht den Schmerz über diesen Abschied umhüllen und ihn besser aushalten können.
Immer wieder an diese Orte zu kommen und uns der Erinnerung auszusetzen, ist weder schwach noch naiv. Es geht nicht um Vergessen, sondern um Loslassen.
Das gilt auch für die Einübung in die Heilung unserer eigenen verletzten Seele. In dieser Praxis kehren wir immer wieder an den Ort des Schmerzes, der Trauer, des Verlustes in unserer Seele zurück. Und irgendwann reift in uns mit der Zeit die Freiheit, den Schmerz, die Trauer, die Wut tatsächlich zu verabschieden.
Damit ist nichts ungeschehen gemacht und vergessen worden. Wenn wir den Schmerz, die Trauer, die Wut tatsächlich verabschieden können, dann können wir endlich unsere Vergangenheit so anerkennen, wie sie war, ohne weiterhin unter dem Druck zu stehen, sie anders haben zu müssen.
Wir erkennen unsere eigene Vergangenheit als die an, die sie ist, mit all dem Leid, dem Schmerz und der Trauer, die da geschehen sind.
Manchmal bedeutet es, Beziehungen abzubrechen – zum einen, weil wir trotz allem keine Heiligen sind und auch nicht sein müssen; und zum anderen, weil eine Beziehung aus guten Gründen abzubrechen, immer noch bedeuten kann, niemandem als Mitmenschen aufzugeben.
Ich möchte Sie einladen, am Beginn dieses Jahres, sich auf den Weg zu dem großen oder wenigen großen Schmerz in Ihrer Seele zu machen! Einzuüben, diesen Schmerz, diese Wut und diese Trauer zu umarmen und sie als Teil Ihres Lebens anzunehmen und sich so einzuüben in die Praxis des liebevollen Umgangs mit sich selbst.
Und aus diesem liebevollen Umgang mit sich selbst entsteht ganz selbstverständlich ein liebevoller Blick auf die Menschen, die einem begegnen.
Vielleicht haben Sie Lust sich dabei neu kennenzulernen!





