„Aufbruch 60+“ – Teilhabechancen von älteren Menschen müssen verbessert werden

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Foto: Diakonie Schwerte

Mit Verwandten und Freunden im Austausch sein, einen Weiterbildungskurs besuchen oder einfach nur den Tag genießen – für viele Senior*innen ist das kein Problem. Doch für diejenigen, die nur wenige Bezugspersonen haben und die sich mit ihrer Rente nicht einmal das Nötigste zum Leben leisten können, ist das ein Wunschtraum. 

„Am Ende des Geldes ist noch so viel Monat übrig“, so Simone S., 66 Jahre. „Ich würde gerne mein neugeborenes Enkelkind besuchen, aber mir fehlt das Geld für die Fahrt nach Bayern.“

Bernd K., 61 Jahre: „Meine Stromrechnung ist immer sehr hoch. Das liegt an den alten Geräten, sagt der Energieberater, eins ist auch noch kaputt. Ein gebrauchtes, neueres Gerät wäre schon gut, aber ich muss erst die alten Stromrechnungen abbezahlen.“

Fatma F., 65 Jahre: „Ich würde so gerne Sport machen. Ein Fahrrad wäre toll, auch für den Arbeitsweg. Dann könnte ich die Buskosten sparen. Für die Anschaffung des Fahrrads habe ich aber kein Geld.

Ulla D., 64 Jahre: „Ich schäme mich darüber zu sprechen. Meine Rente wird sehr gering sein, ich weiß gar nicht wie ich dann alles bezahlen soll. Bisher kam ich gut über die Runden, aber jetzt habe ich Zukunftsängste. Eine kleinere Wohnung? Aber wie bezahle ich den Umzug? Und hier gibt es eine so gute Nachbarschaft. “

Armut wird in der Bundesrepublik über das Haushaltseinkommen und den sich daraus ergebenden Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe definiert. Wer mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen muss, gilt als armutsgefährdet. Diese Grenze lag 2019 bei 1.074 Euro im Monat für einen Einpersonenhaushalt.

In einem gemeinsamen Projekt mit dem Sozialdienst katholischer Frauen Schwerte (SkF Schwerte) widmet sich die Diakonie Schwerte der Frage, wie die soziale Teilhabe von Älteren in gesellschaftlicher als auch in finanzieller Hinsicht aufrechterhalten oder verbessert werden kann. Vor allem möchten die Partnerinnen aber auch diejenigen Menschen erreichen, die sich bereits aufgrund unterschiedlicher Problemlagen aus dem gesellschaftlichen Leben zurückgezogen haben. Die Institutionen arbeiten seit 01.01.2021 zusammen und können auf erste Erfahrungen blicken.

„Unser Angebot greift auf verschiedenen Ebenen“, erklärt Susanne Hantschel, Projektmitarbeiterin des SkF Schwerte. „Gemeinsam mit der Diakonie Schwerte bauen wir ein systemisches Beratungsangebot auf. Der Schwerpunkt des SkF liegt in der Beratung zur Existenzsicherung.“ Einer wachsenden Zahl älterer Menschen in Deutschland stehen zunehmend weniger finanzielle Mittel zur Verfügung. In der Gruppe der Menschen ab 65 Jahren stieg die sogenannte Armutsgefährdung. Im Jahr 2019 waren 15,7 Prozent der Menschen in dieser Altersgruppe betroffen.

„Wer geringere finanzielle Mittel zur Verfügung hat“, kann Tina Fischer, Mitarbeiterin der Diakonie Schwerte, aus bisheriger Erfahrung in der Arbeit bestätigen, „geht nicht so oft in ein Café, ins Kino oder nimmt weniger an Veranstaltungen und Kursen teil.“ Außer den fehlenden finanziellen Mitteln werden dann auch die sozialen Kontakte vermisst. Somit beginnt ein Kreislauf, der für die Menschen schwer zu durchbrechen ist. 

Grundsicherung im Alter erhalten Personen, die die Altersgrenze erreicht haben und ihren Lebensunterhalt nicht aus eigenem Einkommen und Vermögen sicherstellen können.

Beratung in dieser Hinsicht und Information zu (Unterstützungs-) Angeboten, finden die Menschen über offene Sprechstunden im Grete-Meißner-Zentrum oder im Teilhabebüro der Stadt Schwerte. Sie ist eine weitere Kooperationspartnerin, die zudem auch zugehende Hausbesuche für Menschen ab 65 Jahren unterstützt, bei denen die Mitarbeiterinnen zu den Möglichkeiten der aktiven Teilhabe informieren.

Die Corona Pandemie hat die finanzielle Situation von Menschen mit geringen Einkommen noch einmal verschärft. Eine nicht unerhebliche Zahl Älterer hatte, um über die Runden zu kommen, Minijobs, die durch die Beschränkungen wegegefallen sind. Insbesondere Frauen, die im Alter häufiger von Armut betroffen sind und eine Nebentätigkeit ausüben, hat dies getroffen. Eine staatliche Ersatzleistung gab es für diese Menschen nicht.

Nicht zuletzt hat die Pandemie den Blick zudem auf Chancen und Risiken der Digitalisierung im Hinblick auf gesellschaftliche und soziale Teilhabe gerichtet. Ein weiterer Ansatz des Projektes richtet sich demnach an die Förderung der lebenslangen Bildung und den Aufbau von Kompetenzen zur Nutzung digitaler Medien. Mittels präsenzbasierter offener Senior*innen- und Generationenarbeit wurde das Angebot „Smarte Grete: Ab jetzt – digital vernetzt!“ mit dem Ziel initiiert, die digitale Souveränität der Generation 60+ zu stärken. In diesem Zusammenhang steht nicht nur die Befähigung zur technischen Nutzung digitaler Kommunikationsmittel im Fokus, auch die Vermittlung von Kenntnissen zur alltagstauglichen Anwendung dieser Medien ist ein großes Anliegen. Seit Anfang des Jahres, während des Lockdowns, ließen sich beispielsweise die ersten Nutzer*innen telefonisch zur Teilnahme an Zoom-Meetings für verschiedene Sportangebote und das Online-Gedächtnistraining schulen. Neue Chancen bieten auch die Präsenzkurse im Grete-Meißner-Zentrum: So lernten in einem ersten Qualifizierungsangebot an zwei Vormittagen Besucher*innen und Übungsleitungen die vielfältigen Möglichkeiten eines digitalen Flipcharts kennen. Ein weiteres geplantes Angebot ist der Kurs „Smartphone, erste Schritte einfach erklärt“, der ab 22. September im Grete-Meißner-Zentrum stattfinden wird.  

Anna Rademacher. Foto: Diakonie Schwerte

Den Schwerpunkt Digitalisierung entwickelt die neue Leitung des Grete-Meißner-Zentrums. Anna Rademacher erläutert: „Wir möchten mit den Lernangeboten vermitteln, welche Möglichkeiten digitale Plattformen bieten, um den Kontakt zu Familienmitgliedern und Freunden für den Fall aufrechtzuerhalten, dass es erneut zu Corona bedingten Kontaktbegrenzungen kommen sollte. Selbstverständlich werden wir auch auf die konkreten Bedürfnisse der Menschen ab 65 Jahren und ihre speziellen Lernwünsche eingehen.“ Für viele Ältere ist das Online-Banking bereits zur Gewohnheit geworden, andere hatten während der Pandemie große Probleme einen Impftermin für die Coronaschutzimpfung zu buchen, denn die Terminvergabe war (zeitweise) nur Online möglich. 

Einen sehr spielerischen Zugang zur digitalen Technik bietet die sogenannte virtuelle Realität. Der Einsatz von VR-Brillen ermöglicht spannende Reisen beispielsweise in das Deutsche oder Britische Museum von zuhause aus. Für absolute Neulinge stehen Leihgeräte für die Schulungen zur Verfügung und gebrauchte Computer, Laptops und Tablets werden bei Interesse kostenlos an die Teilnehmer*innen abgeben.

Christine Fischer, welche Angebote können Sie Menschen im Übergang von Berufstätigkeit in die nachberufliche Phase machen? 

Christina Fischer. Foto: Diakonie Schwerte

„Ich möchte ältere Menschen in Schwerte darüber informieren, wie sie diesen Übergang sinnvoll gestalten und für sie befriedigend nutzen können. Dabei gilt es erstmal eine Art Bestandsaufnahme zu machen, d.h. mit den Menschen herausfinden, was ihnen überhaupt Freude macht, welche Wünsche oder besondere Gaben bzw. Eigenschaften sie haben und einbringen möchten. Aufbauend darauf schauen wir gemeinsam, welche Angebote oder Möglichkeiten der Teilhabe oder des Engagements es in Schwerte gibt, auch wenn das finanzielle Budget gering ist. Ich möchte insbesondere aber auch die Menschen erreichen und beraten, die sich einsam fühlen, die kaum bis gar keine sozialen Kontakte und Teilhabemöglichkeiten haben oder die aufgrund von Krankheit, Scham und anderen Problemlagen nicht am sozialen Leben teilnehmen können. Ich freue mich auch auf die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen, um das Projekt bekannt zu machen.“ 

Ab September findet an jedem 2. und 4. Donnerstag in der Zeit von 9.30 bis 11.30 Uhr ein offenes Café/ Frühstücksangebot im Grete-Meißner-Zentrum statt. Es wird ein Treffpunkt, um andere Menschen kennenlernen zu können und es besteht die Möglichkeit zur Beratung und weiteren Terminabsprachen. 

Persönliche Beratungsgespräche sind auch telefonisch, bei den Menschen zu Hause oder in den Räumlichkeiten der Diakonie und des SkF Schwerte möglich.

Susanne Hantschel. Foto: Diakonie Schwerte

Susanne Hantschel, Sie kennen die Sorgen und Nöte von Menschen, die wenig finanziellen Spielraum haben. Welche konkreten Angebote möchten Sie den Menschen ab 60 Jahren hier in Schwerte machen?

„Mir liegt es am Herzen, über die zahlreichen Unterstützungsmöglichkeiten, die Schwerte bietet, angefangen bei den Ämtern der Stadt, bei der Verbraucherberatungsstelle bis hin zu der „Schwerter Tafel“ und dem Keller-Basar, zu informieren. Ich möchte den Menschen mit kleinem Portmonee diese Angebote näherbringen und ihnen unterstützend zur Seite stehen. Der Unterstützungsbedarf der Menschen, die heute schon das Gespräch bei mir suchen, ist vielfältig. Ich habe immer ein offenes Ohr. Schämen muss sich niemand. Denn das hindert viele daran, Angebote anzunehmen. Die Behördengänge fallen schwer, weil das Ausfüllen der Formulare nicht immer einfach ist. Hierbei kann ich Hilfe anbieten und/oder den Kontakt zu den zuständigen Stellen herstellen. Ein Check der finanziellen Situation, ein Haushaltsplan, oder eine Energieberatung ist immer eine gute Präventivmaßnahme, wenn das Budget im Alter knapp wird. Jedem soll es möglich sein, ein würdevolles Leben im Alter zu führen. Niemand soll sich allein gelassen fühlen und deshalb schaffen wir auch Raum für gemeinsame Gespräche, um sich mit Anderen auszutauschen und die Erfahrungen zu teilen.“

Christina Fischer, Susanne Hantschel, Andrea Schmeißer

PM: Diakonie Schwerte

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