Eine Kolumne von Sigrid Reihs
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In einigen Tagen feiern wir Ostern! Das höchste Fest der Christenheit. Und es geht dabei ja nicht nur um die Ostereier, sondern es geht bei diesem Fest um Auferstehung. Was immer das sein mag. Dieses Fest ist vielleicht in diesen Tagen von besonderer Bedeutung, we4il wir erleben, dass viele Sicherheiten, Gewissheiten auf einmal ins Rutschen gekommen sind.
Aber vielleicht bedeutet das ja auch eine Chance. Dieser Zusammenhang von gesellschaftlichen Entwicklungen mit unseren Lebensalltag und der Aufforderung von Ostern, wahrzunehmen, dass es mehr gibt als das, was wir vor Augen sehen.
Und dazu gehört natürlich auch die Aufforderung von Ostern zu beten. Das ist mit Ostern gesprochen, eigentlich eine Grundhaltung in unserem Leben. Und diese existentielle Bedeutung des Betens als Grundhaltung in unserem Leben wird besonders dann immer angesprochen, wie eben beim Osterfest, wenn es um eine Krise geht. Auch Ostern ist die Bearbeitung einer Lebenskrise. Eine Haltung einzunehmen, die als Gebetshaltung bedeutet, sich anzuvertrauen. Vielleicht hat jemand schon einmal beim Fußballspiel von Borussia Dortmund oder Schalke 04 gesehen, wenn eingefleischte Fußballfans auf die Knie fallen und die Hände falten und stumm ihre Wünsche – ja an wen – jedenfalls nach oben richten. Dann beten sie, weil sie keinen anderen Ausweg mehr sehen als sich an eine göttliche Instanz mit ihren Bitten zu wenden. Darum gibt es diesen Satz: „Dann hilft nur noch Beten!“
Zu Ostern war die Erfahrung der Jünger und Jüngerinnen genau die gleiche. Es hilft nur noch Beten. Allein diese Haltung der Ergebenheit, sich einlassen und mit all seinem eigenen Willen aufgeben, diese sichtbare Haltung erzählt von der Angewiesenheit auf eine Kraft, die nicht aus uns selbst kommen kann, sondern von anderswoher. Und wenn selbst Fußballfans darauf vertrauen, dass es manchmal nicht mehr durch die eigene Kraft gelingen kann, dann scheint ja irgendetwas dran zu sein.
Wir haben in unserem Alltag ganz viele Orte und Namen gefunden, um das zu benennen; aber grundsätzlich gilt, sich darauf einzulassen, dass ich es nicht mehr selbst schaffen kann; und trotzdem darauf zu vertrauen, dass von anderswo Hilfe kommt, ist eine wichtige Voraussetzung für diese Grundhaltung des Betens.
Ich weiß nicht, ob von Ihnen schon jemand einmal den Impuls verspürt hat, auf die Knie zu fallen; sich wirklich nach unten zu begeben und darauf zu vertrauen, dass irgendwoher die Energie, die Kraft kommt, um wieder aufzustehen, und sich auf die Füße zu stellen. Ich denke, diese Grunderfahrung eine, egal, wann immer man sie gemacht haben mag, ist eine, die einen darauf hinweist, wie angewiesen wir alle darauf sind.
Ich möchte eine kleine Geschichte dazu erzählen von Hans Thoma ein „Ein Münchner im Himmel“. Vielleicht kennen der ein oder die andere sie.
Ein Münchner namens Aloys stirbt – in seinem geliebten Hofbräuhaus bei einer Maß Bier. Im Himmel wird ihm eine Leier ausgehändigt und eine Wolke zugewiesen. Er soll dort Psalmen singen und frohlocken. Aloys verzweifelt. Grimmig brüllt er „…luja“. Und so geht das eine ganze Weile weiter. Die Engel sagen ihm: „Du sollst doch Deinen Gott loben. Aloys ist ziemlich verzweifelt und fragt: Was soll ich bittschön loben? wenn ich hier bin und nicht beim Hofbräuhaus?“
Aber er wird darauf hingewiesen, er soll weiter üben.
Dann fällt‘s ihm endlich ein, was er eigentlich beten könnte. Und dann betet er: „Bittschön, Herrgott, schick mi zurück na München ins Hofbräuhaus!“ – Und der Herrgott erfüllt ihm diese Bitte. Er kehrt zurück nach München ins Hofbräuhaus. Zuerst begibt er sich ins Hofbräuhaus und danach versucht er den Wunsch zu erfüllen, seine Regierung zu beraten. Das passiert immer öfter, bis er irgendwann nur noch im Hofbräuhaus bleibt! Die Konsequenzen kann sich jeder und jede überlegen.
Das, was Aloys beschreibt, ist: er ist so lange, wie er einer Vorgabe folgt, was er beten soll, ziemlich aufgeschmissen. Aber in dem Moment, in dem er um das bittet, was ihm unmittelbar wichtig ist, fällt es ihm auch direkt ein. Er hat nur einen einzigen Wunsch, nämlich wieder dort zu sein, wo er sich zuhause fühlt, wo er sein Leben, seine Heimat wahrnimmt. Und wer anscheinend nur einen einzigen Wunsch in seinem Leben konzentriert hat, der darf auch diesen Wunsch äußern in einem Gebet.
Und wenn es so ist, ist das auch okay. Jeder und jede hat das Recht, allein um das zu bitten, was ihm und ihr besonders am Herzen liegt: dass ich wieder gesund werde, dass man Kind wieder gesund wird, dass meine Partnerschaft wieder in Ordnung kommt; das ist verständlich und dass ich in dem Moment nicht danke, in dem ich so existenziell leide, ist genauso verständlich.
Aber Beten bedeutet, und Beten zu Ostern ist in besonderer Weise mit der Erfahrung verbunden, dass das Leiden, was uns ins Beten führt, nicht das einzige ist, sondern das Beten ein Weg ist, aus diesem Leiden herauszukommen und wenn es nur darin besteht, dass diese Leiden begrenzt ist; dass es ein Ende hat.
Wir sind nicht völlig überrascht, wenn wir zu Ostern – zumindest diejenigen, die noch in den Gottesdienst gehen, erfahren, dass wir das, was über das Leiden hinausgeht, schmecken, riechen und sehen können. Darum feiern wir zu Ostern auch Abendmahl. Dieses Abendmahl zu Ostern will nichts wegnehmen von dem Leiden, der Krankheit, den körperlichen Einschränkungen oder sonst welchen Erfahrungen, die jeder und jede von uns machen.
Wichtig ist aber, und das ist die Botschaft von Ostern, den Blickwinkel zu verändern. Niemand kann leugnen, dass es immer wieder Enttäuschungen und Leiden erleben. Ostern ist die Botschaft, dass dieses Leiden, diese Enttäuschung nicht alles ist; dass sie Ende hat und dass sie sich verwandeln kann.
Ostern erzählt davon, dass all mein Leiden und meine Ängste ausgebreitet sind und sich verändern können und dass ich davon befreit werden kann. Nicht sofort und nicht in dem Maße, wie ich mir das vielleicht vorstelle, aber auf jeden Fall. Insofern ist Ostern auch die Botschaft, dass Beten ein Ausdruck der Dankbarkeit ist. Es ist die einzige Kraft, die die Welt verändern kann und in diesem Sinne freue ich mich, wenn wir alle gemeinsam in diesem Jahr ganz besonders intensiv Ostern feiern.






