Der „Fahnder“ geht! – Polizeihauptkommissar Jörg Przystow verabschiedet sich nach 45 Dienstjahren in den Ruhestand

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Foto: Jörg Przystow

Alles begann im Jahre 1978, mit dem Weg in den öffentlichen Dienst. Zunächst bis Juni 1982 als Soldat auf Zeit in Hemer (ehemalige Blücher Kaserne), dort wo heute der Freizeitpark Sauerland ist. Davor gab es eine gemeinsame Schulzeit mit dem heutigen Regierungspräsidenten Heinrich Böckelühr, ebenfalls Jahrgang 1961. Als Bürgermeister hat Przystow ihn 18 Jahre als Polizist begleitet.

1982 erfolgte dann der Wechsel als Polizeibeamter des Landes NRW.

Foto: Jörg Przystow

Start im mittleren Dienst und dann Überleitung in den gehobenen Dienst bis zum Polizeihauptkommissar. Damals kam ein Einstellungsberater in die Kaserne und meinte, ich sollte doch zur Polizei wechseln.

„1985 wurde ich nach der Ausbildung in Selm-Bork und Stationen in Recklinghausen, Gelsenkirchen und Ahlen, zur Kreispolizeibehörde Unna versetzt. Als ich mich in Unna zum Dienstantritt melden musste, bekamen alle Neulinge ihren Standort gesagt und ich saß in der Runde und mir hatte man noch keine Wache zugewiesen. Ich fragte dann freundlich, wo ich denn nun meinen Dienst versehen würde. Antwort: „In Schwerte natürlich! Was für eine Frage…Ein Schwerter Junge gehört doch in seine Heimatstadt-so damals ein Vorgesetzter“

Also Früh-Spät-Nacht auf der Polizeiwache Schwerte im Wach-und Wechseldienst. 1988 stand dann ein Jahr nur Nachtdienst beim Einsatztrupp in Unna an. „Wir waren damals für die Schwerpunktkriminalität im gesamten Kreisgebiet zuständig. Überall dort, wo z.B. vermehrt Einbrüche zu verzeichnen waren oder Pkw-Aufbrüche, haben wir „angesessen“, bis endlich der Erfolg, die Festnahme der Täter erfolgen konnte.“ Przystow beschreibt das damalige Team als eine tolle Einheit, an die er sich gern erinnert. 15 Jahre immer nah dran am Einsatzgeschehen und dann kam die Chance auf einen Wechsel in das damalige Kriminalitäts- und Verkehrskommissariat. Beworben und es klappte. Es folgten viele Neuorganisationen innerhalb der Behörde und auch durch Vorgaben der Landesregierung. „Da hat sich doch einiges in den letzten Jahren verändert“.

In Erinnerung geblieben sind aus der Zeit „auf der Straße“ leider einige Dienstunfälle. Der 20. November 1989 blieb dabei in ganz besonderer Erinnerung. Die Presse hat auch darüber intensiv berichtet. Es war ein Einsatz, eine größere Familienstreitigkeit in der Regenbogenstraße in Schwerte. Durch ein Familienmitglied wurden ihm zwei gefüllte Bierflaschen an dem Kopf geworfen, die auch beide trafen. Gerade ein Haus gebaut, noch nicht wirklich komplett durch entsprechende Versicherungen abgesichert und einfach nur großes Glück laut Aussage des Notarztes, dass es „nur“ mit einer Kopfverletzung, die genäht werden musste, ausgegangen ist. Der Täter bekam 7 Monate auf Bewährung. Ein Schmerzensgeld hat er nie bezahlt. Nach Genesung zurück in den Dienst und ab auf das Polizeimotorrad. Gleich am ersten Tag holte ihn dann ein unaufmerksamer Fahrer durch sein unüberlegtes Wendemanöver vom Krad. Wieder ins Krankenhaus, aber auch das ging am Ende gut aus. Die anderen, kleinen Verletzungen möchte Przystow nicht erwähnen.

Gibt es denn auch lustige Geschichten?

„Oh ja, die gab es auch. Bei einem Einbruch in ein sehr schönes Haus in Schwerte, sollten die Täter noch im Objekt sein. Das Haus war umstellt und ein Hundeführer schlug vor, dass ich mit ihm zusammen über die Rückseite versuchten sollten ins Objekt zu kommen. Über den großen Garten des Hauses gingen wir bewusst ohne Taschenlampe zu einem großen Fensterelement, einer Schiebetür. Die war eingeschlagen und die Öffnung war groß genug, um darüber ebenfalls einzusteigen. Der Hund wurde vorgeschickt, dann der Hundeführer, dann ich. Ich dachte noch, was gluckert denn hier und im nächstes Moment rutschte ich ab und lag im Schwimmbad des Hauses. Das ging natürlich sofort über Funk, alle Taschenlampen gingen an, Gelächter überall und die Täter waren schon lange weg. Die Sprüche in den Tagen danach kann man sich vorstellen. Als der nächste Einsatz kam, hieß es dann auch über Funk: „Nicht das unser Fahnder erst wieder ein Bad nimmt…“ Fahnder? Es wurde mein Spitzname, den mir ein Kollege recht früh in Schwerte gab, weil ich nie aufgehört habe zu ermitteln, immer noch mal nachsetzte, nicht zu früh aufgeben wollte.“

Mehrere Jahre intensiver Personalrats-und Gewerkschaftsarbeit schlossen sich an. Es war nicht immer einfach und dabei erlebt man sicher auch manchmal Verhaltensweisen von Mitstreitern, die nachdenklich machten. „Man denkt, man tut Gutes und erfährt dann auch eben in solchen Ämtern oftmals Rückschläge“.

„Gemeinsam aktiv“, eine Veranstaltung der Feuerwehren-und Rettungsdienste und eben der Polizei auf dem Rohrmeistereigelände, ist in positiver Erinnerung geblieben. 1992, da war die heutige Rohrmeisterei noch nicht ansatzweise so, wie wir sie heute kennen, präsentierten dort auf dem Freigelände alle den eigenen Arbeitsbereich. Die gesamte Technik und die Menschen, die sie bedienen, Reiterstaffel, Hundestaffel, Hubschrauber, eine große Fahrzeugschau, einfach alles was es damals schon gab, wurde dort präsentiert.

„So kam ich übrigens auch zur Moderation, meinem großem Hobby.

Es wurde jemand gesucht, der das Programm präsentieren könnte. Der damalige Oberkreisdirektor Landwehr meinte dann in einer der vielen Vorbesprechungen: „Sie machen das mal!“

Gesagt, getan und mit ordentlich Respekt und Lampenfieber erfolgte der Start auf einem Lkw-Anhänger, die erste öffentliche Moderation, bei der er dann auch seinen Freund Lothar Baltrusch kennenlernte. „Seitdem haben wir uns nicht mehr aus den Augen verloren und über viele Jahre gemeinsam als „BP Moderation“ (Baltrusch/ Przystow) viele Dinge im Kreis Unna und ganz besonders in Schwerte moderiert.“

Die erste Veranstaltung war ein Erfolg und im August 2007 wurde sie wiederholt, diesmal auf dem Schwerter Marktplatz, ebenso erfolgreich.

Foto: Jörg Przystow

Über Lothar Baltrusch lernte er auch Götz George alias Schimanski in Duisburg bei einem Filmdreh kennen. „Es war eine Geschenk von Lothar zu meiner Beförderung zum Polizeihauptkommissar.“ Der Schauspieler nahm sich persönlich Zeit für ein Gespräch beim Dreh des „Schuld und Sühne“ Film, in dem Baltrusch und Przystow einige Monate später für Sekunden zu sehen waren, obwohl den ganzen Tag gedreht wurde. Davor habe es aber auch bereits mehrere Wochen Kontakt zur Filmbranche. „Balko“ hieß die Serie, die in Dortmund gedreht wurde. Hier verbrachte Przystow mehrere Wochen, im Urlaub versteht sich.

„In den letzten 20 Jahren habe ich mich im Verkehrskommissariat in Schwerte gearbeitet und zwar mit großer Leidenschaft. Es war mir immer wichtig für die Kollegen*innen da zu sein, immer eine Lösung zu haben und zwar im Einklang. Anrufe nach Dienstanschluss oder am Wochenende, habe ich immer angenommen und meinen Rat gegeben und bin auch zu besonderen Einsatzlagen direkt raus gefahren.“

Nach wie vor kennt Przystow noch jede Unfallstelle, die ihre Besonderheiten hatte, verbunden mit menschlichem Leid, z.B. bei Unfällen mit tödlichem Verlauf. Die danach geführten Gespräche mit den Angehörigen, überhaupt das Überbringen der Nachricht, ganz egal, alles ist ihm noch präsent. Heutzutage gibt es einen ausgebildeten Opferschutz, es hat sich sehr viel getan, wenn es um die Betreuung der Angehörigen geht und auch um die Einsatzkräfte selbst.

„Früher mussten wir irgendwie mit dem Erlebten klar kommen. Dies ist jetzt besser geworden. Es steht rund um die Uhr ein speziell dafür ausgebildetes Team bereit, so dass man betreut wird, Bürger*innen und Polizist*in.“

„Ob ich den Beruf des Polizisten gelebt/ geliebt habe?“

„Ein klares Ja und es fällt mir sehr schwer loszulassen.

Ich behaupte an den notwendigen Schnittstellen z.B. in der Stadtverwaltung, beim Baubetriebshof, der Feuerwehr, bei den Stadtwerken, den Busunternehmen, eigentlich egal wo, eine Kontaktperson zu haben, wenn es darum geht im Sinne der Bürger*innen professionell mal eben etwas zu regeln.“ 

Netzwerken ist seine Leidenschaft geworden, Menschen zusammenbringen, zielorientiert unterwegs sein. Aber auch der faire Umgang mit dem polizeilichen Gegenüber war ihm immer wichtig. 

„Es gab sogar Straftäter, die wollten nur etwas sagen, wenn ich sie vernehmen würde. Wenn ich durch die Stadt gehe, musste ich mich bislang nie „verstecken“, ich habe sie alle ordentlich behandelt, auch wenn es sicher manchmal schwer war, je nachdem, was sie so auf dem berüchtigten „Kerbholz“ hatten.

Die jungen Polizeistudenten zu begleiten, den ein oder anderen Tipp des „alten Mannes“ zu geben, ja das wird er vermissen und man glaubt es ihm sofort.

38 Jahre Polizist in Schwerte und damals als Jüngling gekommen und heute mit Abstand mit bald 62 Jahren (Februar 2023) der älteste Polizist in dieser Stadt zu sein, ist doch ein komisches Gefühl, so wirkt Przystow beim Erzählen über diese lange Zeit.

„Ich habe großen Respekt vor der nun kommenden Zeit, dem letzten Lebensdrittel oder was man da alles so sagt. Momentan baue ich Überstunden und Resturlaub ab, gehe aber zwischendurch noch zur Dienststelle und pflege den Kontakt. Das ist mir wichtig.

Am frühen Morgen nicht mehr mit dem Fahrrad von Wandhofen aus an der Ruhr entlang zur Wache fahren, fehlt mir.“

Ende Februar gibt es noch eine offizielle Verabschiedung in der Polizeiwache Schwerte und im Kreishaus gibt es dann die Urkunde zur Pensionierung. Insgesamt waren es dann 44,75 Jahre im öffentlichen Dienst.

Was macht „Fahnder“ Przystow denn jetzt?

Jörg Przystow zusammen mit Bürgermeister Dimitrios Axourgos im Interview. Foto: © Th. Schmithausen

Ja, u.a. soziale Projekte begleiten, ein nächstes Buch ist bereits fast fertig und soll Anfang 2023 erscheinen. Die Bühnenorganisation des anstehenden 25. Pannekaukenfestes (bereits schon 15 Jahre), die „Schwerter Runde“ (ein neues Talkformat) und das neue Wohnmobil mal nutzen, um das eigene Land mehr kennen zu lernen, sind neben der Gartenarbeit und den Arbeiten am und im Haus, dann hoffentlich den Tag füllend. Aber dazu gehört auch ein Käffchen auf dem Schwerter Wochenmarkt, um Leute zu treffen und sich auszutauschen.

„Ich hoffe, niemals geht man so ganz und ab und zu lassen mich meine Kollegen*innen dann noch mal in die Wache…“

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