Freitag, Juli 24, 2026
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Wenn Schweigen lauter ist als jedes Parteiprogramm

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Symbolbild/KI

Sexismus beginnt nicht erst mit einer Berührung

Von Meike-Corina Kühne-Schmithausen

Es gibt Momente, die einen sprachlos machen. Nicht, weil sie laut sind. Sondern weil sie zeigen, wie wenig sich manches verändert hat.

Vor einigen Tagen wurde ich erneut mit einer sexistischen Bemerkung konfrontiert. Ausgesprochen von einem Mann, der innerhalb einer politischen Partei eine verantwortungsvolle Position innehat. Für Außenstehende mag es “nur ein Satz” gewesen sein. Für mich war es weit mehr. Es war die Erinnerung daran, warum ich mit diese Partei vor Jahren verlassen habe.

Damals kam es aus meiner Sicht wiederholt zu grenzüberschreitendem Verhalten derselben Person. Ich habe darüber gesprochen. Ich habe Verantwortliche informiert. Ich hoffte, dass jemand hinsieht und Verantwortung übernimmt.

Passiert ist nichts.

Heute, Jahre später, habe ich den erneuten Vorfall wieder angesprochen. Die Parteiführung wurde informiert.

Die Reaktion war ernüchternd.

Mir wurde geraten, Anzeige zu erstatten.

Natürlich ist das eine Möglichkeit. In bestimmten Fällen sogar eine notwendige. Aber ist das wirklich die erste und einzige Antwort, die eine Organisation im Jahr 2026 auf den Bericht einer Betroffenen haben sollte?

Ich finde: Nein.

Denn bevor ein Mensch den Schritt zur Polizei geht, passiert etwas ganz anderes.

Man zweifelt. Man schämt sich. Man fragt sich, ob man überreagiert.

Ob andere einem glauben. Ob es den Ärger überhaupt wert ist.

Genau deshalb bleiben viele Vorfälle im Verborgenen.

Sexismus ist kein Missverständnis

Sexismus wird oft unterschätzt. Viele denken dabei sofort an körperliche Übergriffe. Doch die beginnen selten aus dem Nichts.

Sie beginnen häufig mit Worten. Mit anzüglichen Bemerkungen. Mit dem Gefühl, nicht als Mensch, sondern aufgrund des Geschlechts bewertet zu werden. Mit Sätzen, die anschließend als “Spaß” oder “nicht so gemeint” relativiert werden.

Wer das erlebt hat, weiß: Es geht nicht um Humor. Es geht um Respekt.

Verantwortung endet nicht beim Hinweis auf die Polizei

Mich beschäftigt weniger die Bemerkung selbst als das, was danach passiert ist. Oder besser gesagt: Was nicht passiert ist.

Organisationen – ganz gleich ob Parteien, Vereine oder Unternehmen – tragen Verantwortung für ihre Kultur. Wer Hinweise auf mögliches grenzüberschreitendes Verhalten erhält, sollte sie ernst nehmen. Zuhören. Nachfragen. Hinschauen.

Es geht nicht darum, jemanden vorschnell zu verurteilen. Es geht darum, Betroffene nicht allein zu lassen.

Zwischen “Wir nehmen Ihren Hinweis ernst” und “Gehen Sie doch zur Polizei” liegen Welten.

Es geht nicht um eine Partei

Wer diesen Text liest, wird vielleicht vermuten, um welche Partei es geht. Ehrlich gesagt, ist das gar nicht der entscheidende Punkt.

Denn Sexismus ist kein Problem einer einzigen politischen Richtung. Er findet sich überall dort, wo Menschen ihre Position ausnutzen oder glauben, sie könnten sich mehr erlauben als andere. Und er bleibt bestehen, solange das Schweigen stärker ist als die Bereitschaft hinzusehen.

Was wünsche ich mir?

Keine Sonderbehandlung.

Keine Vorverurteilung.

Keine Schlagzeilen.

Ich wünsche mir lediglich, dass Menschen ernst genommen werden, wenn sie den Mut aufbringen, über ihre Erfahrungen zu sprechen.

Dass Verantwortliche Verantwortung übernehmen. Dass Macht nicht wichtiger wird als Menschlichkeit.

Und dass wir endlich aufhören, Betroffene zuerst zu fragen, warum sie keine Anzeige erstattet haben.

Vielleicht sollten wir stattdessen öfter fragen:

Warum fällt es uns immer noch so schwer, zuzuhören?

Denn Veränderungen beginnen nicht erst mit neuen Programmen oder großen Reden. Sie beginnen in dem Moment, in dem wir uns entscheiden, nicht mehr wegzusehen.

Auch hier. Auch bei uns. Auch in Schwerte.

Wenn Sie auch Opfer von … sind.

Für vertrauliche und anonyme Soforthilfe steht das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ rund um die Uhr unter der Nummer 116 016 zur Verfügung.

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