Eine Kolumne von Sigrid Reihs

Erinnern Sie sich noch an Ostern? Und an die sieben Wochen davor? die sogenannte Passionszeit?
Am Aschermittwoch hatte die Fasten- und (Passions)zeit begonnen. Nach altem christlichem Brauch dauert sie bis zum Osterfest. Wer irgendeine Erfahrung mit dieser Zeit hat, der weiß: da geht es ums Verzichten, ums Fasten von Schokolade oder Zigaretten, oder, oder…. Und am Ende ist man dann auch stolz, es geschafft zu haben.
Man kann diese Einladung aber auch anders verstehen. Man kann diese Einladung auch so verstehen, dass man sich einmal bewusst die entscheidenden Fragen des Lebens stellt und sich zugleich dann auch einmal fragt, wie gehe ich eigentlich damit um?
„Wie will ich leben?“
„Welche Schritte im Leben will ich ausprobieren?“
„Was will ich versuchen?“
„Wie will ich leben?“
Diese wichtige, zentrale Frage beschäftigt alle Religionen – nicht nur die christliche.
Darum beschäftigen sich vermutlich alle Religionen mit der Sehnsucht nach Leben, mit der Sehnsucht nach einem Leben in Fülle, nach einem ausgefüllten sinnvollen Leben.
Vielleicht kennen Sie das?
Wer die Sehnsucht nach Leben spürt, wer diese Sehnsucht nach einem ausgefüllten Leben spürt, die will nicht nur irgendwie zurechtkommen, die will auf jeden Fall mehr.
Wer mehr als den Alltag will, lebt immer auf einer Grenze. Wer diese Sehnsucht nach Leben auslebt, erinnert mich am ehesten an einem Seiltänzer ohne Netz und doppeltem Boden.
Wenn das Wagnis gelingt, dann ist einem der tosende Applaus der Menge sicher; wenn man dagegen daneben tritt, dann stürzt man ab und kein Sicherheitsnetz fängt einen auf.
In der Bibel gibt es eine Geschichte, die mir in den Sinn gekommen ist. Sie erzählt davon, dass Jesus in die Wüste kam und ihm dort der Teufel begegnete. Der Teufel versprach Jesus ihm die ganze Welt zu Füßen zu legen, wenn er sich auf ihn einlassen würde.
Was hat diese Geschichte mit uns zu tun? Mit mir? Mit jedem einzelnen von uns?
Wie klingt diese Geschichte in Ihren Ohren? Was hat diese alte biblische Geschichte mit Ihrem Leben hier, mit meinem Leben draußen zu tun?
Erst einmal klingt sie wahrscheinlich ziemlich fremd.
Oder ist Ihnen der Teufel schon einmal leibhaftig begegnet?
Haben Sie schon einmal so eine Begegnung erlebt, eine Erfahrung gemacht, von der Sie im nachhinein sagen würde: das war eine große Versuchung.
Für mich ist es als erstes eine große Erleichterung zu hören, dass diese teuflischen Versuchungen nicht nur mich treffen sondern anscheinend jeden von uns, selbst den Sohn Gottes – wie die Bibel erzählt.
Anscheinend lauert dieser Teufel überall.
Anscheinend kann man auch nichts dagegen tun, das einem der Teufel begegnet: selbst beim Meditieren, in der Stille, dann, wenn ich mich ganz auf mich konzentriere, begegnet mir auf einmal ein sogenannter teuflischer Gedanke, der natürlich ganz harmlos daherkommt.
Wie schön wäre es, wenn wir den Teufel immer gleich identifizieren könnten an seinen Hörnern, seinem Hinkefuß und dem Schwanz. Eigentlich schade, dass er uns diesen Gefallen nicht tut.
Als ich noch Jugendliche war, und im Konfirmandenunterricht hat uns unser Pfarrer eine Warnung für genau diesen Fall mit auf den Weg gegeben. Sie lautete damals: wenn der Weg zum Ziel ganz einfach zu sein scheint, dann seid misstrauisch. Das klappt in der Regel nicht und fordert später einen sehr viel höheren Preis.
Unsere Erfahrung ist ja in der Regel, dass das Leben eben kein wunderschöner Traum ist. Wir spüren immer wieder die Nähe des Durcheinanderwerfers, des Teufels – selbst, wenn wir ihm einen anderen Namen geben würden.
Die biblische Geschichte von der Begegnung zwischen Jesus und dem Teufel erzählt davon, dass der gefährliche Gang auf dem Seil angesichts der Sehnsucht nach Leben gelingen kann. Doch dafür brauchen wir vermutlich klare Kriterien – und wir brauchen dafür auch Hilfe.
In den Religionen werden diese Helfer in der Regel als Engel bezeichnet. Diejenigen, die uns zur Seite stehen, sind unsere Engel.
In der Musik spricht man manchmal von einer Engelsmusik.
Unsere Engel verbinden unser Leben mit dem Himmel im Hier und Jetzt, in unserem ganz alltäglichen Leben.
Zu dieser Zusage gehört auch, dass die uns heilenden und unterstützenden Kräfte nicht immer fließen, wie wir es uns vorstellen, und auch nicht, da und bei denen, von denen wir es am ehesten vermuten.
Ich gehe davon aus, dass für jeden von uns die Antwort auf die Frage nach den Engeln ganz unterschiedlich beantwortet wird. Manchmal ist es der oder diejenige, die mit mir zusammen eindringlich bittet, manchmal ist es jemand, der oder die mir zuhört. Manchmal sind es diejenigen, die mit mir aufschreien wegen meiner Angst oder die mit mir den Blick in die Hölle der natürlichen und übernatürlichen Welt aushalten. Ohne diese Engel ließe sich das nicht aushalten.
Um unseren Engeln einen Platz in unserem Leben zu geben, brauchen wir – so paradox das klingen mag – den Mut zur Ohnmacht.
Die Kraft dem Teufel zu widerstehen, kommt aus der Erfahrung auf Engel angewiesen zu sein – und die tragen in der Regel keine Flügel.
Viele von uns sind auf der Suche nach dem Sinn. Da ist auch die Versuchung nicht weit – worin auch immer sie bestehen mag.
Und wenn selbst der Gottessohn als Unterstützung in der Begegnung mit dem Teufel, die Engel braucht, die zu ihm treten, dann dürfen wir uns doch diese Schwäche, es nicht allein machen zu können, ohne Angst leisten.
Mit der gewissen Hoffnung, dass die Engel jedem von uns zur Seite treten, wenn der Durcheinanderwerfer, der Teufel uns schütteln will, dann können wir uns an diese Geschichte erinnern und an das Wort des Psalms:
„Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“







Sehr guter Beitrag von Pfarrerin Sigrid Reihs! Danke Dir!