Von Meike-Corina Kühne-Schmithausen
Es ist diese ganz besondere Mischung aus Weihrauch-Atmosphäre und kommunalpolitischem Klassentreffen: Das interreligiöse Fastenbrechen im Bürgersaal des Rathauses I ist mittlerweile so etwas wie die „heilige Kuh“ der Schwerter Integrationsarbeit. Am Freitagabend war es wieder so weit. Die Einladung versprach Vielfalt, Toleranz und Begegnung. Und während die kulinarische Vielfalt auf den Tischen tatsächlich Weltformat hatte, wirkte das Programm auf der Bühne zeitweise wie eine – nun ja – etwas einseitige Angelegenheit.
Das neue „Wir“ trägt Bart
Den Anfang machte der 1. Beigeordnete Kenan Yildiz, der mit gewohntem Pathos das „Wir“ beschwor. Ein schönes Bild: „Ein offenes Herz an einem offenen Tisch.“ Ihm folgte der neue ACI-Vorsitzende Ömer Kars, der das Erbe seiner Vorgängerinnen antritt.
Doch beim Blick auf das Podium beschlich mich ein leiser Verdacht: Ist das „Wir“ in Schwerte neuerdings rein männlich? Wo früher Frauen wie Aynur Yavuz oder Aynur Akdeniz das Zepter schwangen und die Richtung vorgaben, herrschte dieses Mal eine bemerkenswerte Testosteron-Dichte. Redner, Musiker, Funktionäre – alle männlich. Die Damen? Die durften sich über Blumen freuen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt (Zwinker-Smiley!), aber nach Jahren weiblicher Power im Integrationsrat fühlt sich diese „Blumen-Verweise“ fast wie ein kleiner Rückschritt in die Ära der Komplimente statt der Kompetenzen an. Aber gut, jetzt darf eben mal ein Mann den Vorsitz führen – wir üben uns ja in Toleranz.
Die „Lektion“ zum leeren Magen
Richtig spannend wurde es bei den Gastbeiträgen. Ein junger Redner der DITIB-Gemeinde übernahm den Part, uns den Ramadan und den Koran näherzubringen. Und er wählte dabei ein Wort, das mir – und sicher nicht nur mir – ein wenig sauer aufstieß: Er sprach von einer „Lektion“.
Nun ja, Lektionen erteilt man Schülern oder Unwissenden. Als gläubige Christin saß ich dort und fühlte mich plötzlich weniger als Gast an einem „offenen Tisch“, sondern eher wie in einer Nachhilfestunde für richtiges Fasten. Das „Wir“ geriet hier kurzzeitig ins Wanken, denn wer belehrt, stellt sich ein Stück weit über sein Gegenüber. Das ist vielleicht nicht böse gemeint, aber in der Wortwahl doch ein Griff daneben.
Wenn die Theologie das Brot besiegt
Und dann war da noch das Timing. Wir alle warteten auf den magischen Moment um 18.37 Uhr, wenn die Sonne untergeht und die dampfende Suppe endlich ihre Bestimmung finden sollte. Doch die Theorie war stärker als der Hunger. Der jüdische Beitrag – so interessant die Ausführungen zu Jom Kippur auch waren – dauerte schlicht ein „Mü“ zu lange.
Das Resultat: Als der Muezzin der DITIB-Gemeinde endlich zum Essen rief, war aus der einst heiß servierten Suppe eine lauwarme Vorspeise geworden. Das Brot war abgekühlt, die Vorfreude ein wenig gedämpft. Es ist eben ein logistisches Kunststück, den Hunger von über hundert Menschen mit theologischen Exkursen zu synchronisieren. Diesmal hat die Theologie leider nach Punkten gewonnen – zulasten der Temperatur.
Ein Wunsch für das nächste Mal
Das Essen selbst war – wie immer – fantastisch und vielfältig, von Mazedonien bis Pakistan. Diese Buntheit hätte ich mir auch auf der Bühne gewünscht. Ein christliches oder orthodoxes Fastenbrechen als ergänzender Part wäre ein echtes Zeichen für dieses vielbeschworene „Wir“ gewesen. Denn Fasten ist keine Einbahnstraße und keine Exklusiv-Lektion, sondern eine Tradition, die uns alle verbindet.
Fazit: Ein Abend mit viel gutem Willen, tollen Aromen und einer leicht unterkühlten Suppe. Für das 17. Mal wünsche ich mir: Weniger Belehrung, mehr Frauen am Mikro und eine Suppe, die so heiß ist wie die Debatten um unsere Integration.














