Eine Kolumne von Sigrid Reihs
Guten Tag, heute möchte ich Ihnen gerne eine Geschichte erzählen.
Kürzlich kam jemand zu mir und sagte: „ich hab gehört, bei Ihnen kann ich Meditieren lernen.“ Ich habe etwas irritiert reagiert und hab gesagt: „Was genau meinen Sie denn mit Meditieren lernen?“ „Ja, wie lange das so dauert; was ich dann so machen muss? Wann es gut ist? Wenn ich genau zwanzig Minuten auf dem Bänkchen sitzen kann?“ „Okay“, habe ich gesagt, „und warum möchten Sie das gerne tun?“
„Ja, mein Arzt hat gesagt: Ich muss was für meine Seele tun!“
Hm, dann hab ich gedacht, der Arzt hat vielleicht recht, klingt so; aber ob dieser Weg so der Passende ist, da bin ich etwas unsicher. Der Beschluss: jetzt gebe ich meiner Seele Raum, jetzt kümmere ich mich um eine Seele, ist ja schon prima, aber wie genau soll das gehen?
Heute gebe ich meiner Seele Raum – und dann mache ich das in der gleichen Weise wie ich alles andere auch tue. Das wird wahrscheinlich nur bedingt funktionieren.
Es gibt die Geschichte von einem deutschen Psychologen und Diplomaten, einem Meditationslehrer, der nach Japan ging, um dort intensiver meditieren zu lernen..
Nachdem er vierzehn Tage da war, fragte ihn der Meister: „Wie geht’s dir? Ist alles in Ordnung?“ „Ja, ja“ antwortete er, „ich schaff das schon 3 Stunden am Tag mit der Meditation. Wie lange muss ich denn noch?“ Da soll der Lehrer gelächelt haben und ihm geantwortet: „So wird das nichts werden – auch nicht mit drei oder vier Stunden.“ Und irgendwann hat dieser Mensch, dieser Mann begriffen, dass der Weg nicht über die Quantität geht.
Wenn wir unsere Seele wahrnehmen wollen, dann geht es wohl eher über die Qualität.
Und da hilft Atmen. Ein- und Ausatmen!
Vielleicht ist die erste Übung, um unserer Seele wirklich Raum zu geben 10x tief ein- und auszuatmen, bevor ich drohe zu explodieren, weil mich irgendetwas ärgert, auf die Palme gebracht hat. Sich diesen Raum zu nehmen: 10x ein- und auszuatmen, bevor ich das tue, was ich sonst immer getan habe. Das heißt, Zuflucht nehmen zu meiner eigenen Seele, zu entdecken in diesem Ein-und Ausatmen, dass ich nicht zwingend sofort explodieren muss, sondern dass es einen Zeitraum gibt, der dazwischen ist. Einatmen und Ausatmen, eine wunderbare großartige Kunst: der Grundrhythmus unseres Lebens. Einatmen und Ausatmen.
Jedes Elternpaar, das bei der Geburt seines Kindes dabei war, dass damit das Leben beginnt. Wenn dieses gerade geborene Baby auf der Welt ist und zum ersten Mal ein- und ausatmet und das vielleicht auch mit einem lauten Schrei verbindet.
Und neben dem Atmen hilft auch das Gehen: Achtsam Gehen
Spüren, dass da Grund unter meinen Füßen ist, ein Boden, der trägt. Und zugleich aufgerichtet sein. Als Zeichen der Verbindung mit dem Himmel.
In jedem Schritt, den ich tue, wahrnehmen, dass ich da bin, dass da Grund ist, der mich trägt, und dass ich in dieser Vertikalen mit dem himmlischen verbunden bin.
Einmal so gehen, als berührte ich etwas Lebendiges. Und nicht so gehen, dass kein Gras mehr wachsen kann. Das ist ein riesiger Unterschied.
Das kann ich üben – jeden einzelnen Tag.
Wie gehe ich den Weg zu meinem Arbeitsplatz? Unbewusst, ohne dass ich eigentlich wahrnehme, was mir rechts und links begegnet oder mit bewussten Schritten, die mir sichtbar machen, was alles rechts und links neben mir vorhanden ist?
Ich weiß, das klingt wie eine etwas absurde oder auch schräge Herausforderung. Ich will niemanden dazu überreden, etwas zu tun, was ausgesprochen absurd erscheint, aber jeden Tag ein einziges Mal wahrnehmen, dass es einen Boden gibt, der mich trägt, und mich jedes Mal daran zu erinnern, gerade dann, wenn ich den Boden unter meinen Füßen drohe zu verlieren, könnte für meine Seele eine wunderbare Heilkraft sein: Schritt für Schritt.
Und unsere Seele heilt mit jedem Schritt dieser Achtsamkeit – und dazu lade ich ganz herzlich ein.





