Anstieg von Zwangsverheiratung in den Sommerferien aufgrund der Corona-Pandemie befürchtet

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Foto: Stadt Schwerte

Das Netzwerk „Wegen der Ehre – gegen Zwangsverheiratung und Gewalt in der Familie im Kreis Unna“ zeigt sich besorgt.

Die Fachfrauen des seit über 10 Jahren im Kreis Unna aktiven Netzwerkes befürchten, dass es in den nächsten Wochen zu einem Anstieg von Frühehen und Zwangsverheiratungen gerade aufgrund der Corona-Pandemie kommen könnte bzw. bereits gekommen ist.

So geht TERRE DES FEMMES geht davon aus, „dass von sehr traditionell patriarchalisch eingestellten Eltern/Familien insbesondere die Sommerferien genutzt werden, um ihre oft noch minderjährigen Töchter gegen ihren Willen im Herkunftsland der Familie zu verheiraten.“

„Umso wichtiger ist es, dass Präventionsarbeit an Schulen geleistet und über das Thema und Hilfsmöglichkeiten, insbesondere direkt vor den Sommerferien, gesprochen wird.“, erklärt Sevgi Kahraman-Brust die Koordinatorin des Netzwerkes im Kreis Unna. Auch die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Schwerte Birgit Wippermann ist im Netzwerk engagiert und unterstützt die Forderung.

Die Vertreterinnen des Zusammenschlusses über die Gleichstellungsbeauftragten, dem Jobcenter, dem Frauenforum, dem Opferschutz,  den Integrationsstellen in Lünen bis hin zu In Via in Unna sind sich einig: „Schule ist für Mädchen und junge Frauen, die sehr streng kontrolliert aufwachsen, häufig der einzige Ort, den sie besuchen dürfen, Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter*innen nicht selten die einzigen Erwachsenen, die in einer Notsituation von den Betroffenen angesprochen und um Hilfe gebeten werden können.“

TERRE DES FEMMES erläutert weiter: „Aufgrund der Corona-Pandemie waren die Schulen in den letzten Monaten geschlossen bzw. der Unterricht konnte nur sehr begrenzt stattfinden. Derzeit ist noch unklar, ob nach den Sommerferien der Schulbetrieb wieder ganz normal aufgenommen werden kann. Der Kontakt zu einzelnen Schüler*innen gestaltet sich schwierig, zumal viele Familien nicht über die technischen Geräte verfügen, um regelmäßig am Online-Unterricht teilzunehmen, so dass der Kontakt zu potentiell bedrohten Schüler*innen oft unzureichend gegeben ist. Es ist zu befürchten, dass die Mädchen und jungen Frauen noch stärker kontrolliert und eventuell nicht mehr das Haus verlassen dürfen, somit auch keine Hilfe holen können.“

In dieser Situation, in der viele Familien auf engstem Raum zusammenleben und zusätzlich Existenzängste wie finanzielle Sorgen haben, ist Häusliche Gewalt allgemein bereits angestiegen. Einer der Gründe für eine frühe Verheiratung/Zwangsheirat ist neben der Bewahrung der Familienehre auch eine finanzielle Absicherung der Tochter und der Familie (nicht selten wird ein „Brautgeld“ bezahlt), weshalb ein zusätzlicher Anstieg von Früh- und Zwangsverheiratungen zu erwarten ist. Außerdem wähnen sich die Familien durch die mangelnde soziale Kontrolle noch stärker in Sicherheit, wenn sie ihre Töchter ins Ausland bringen.

In den Ferien locken Familien ihre Töchter unter falschen Versprechungen ins Herkunftsland, indem vorgegeben wird, dass Verwandte im Ausland besucht werden oder die Familie zur Hochzeit der Cousine eingeladen ist. Bei der Ankunft wird den Mädchen häufig Pass, Handy und Bargeld abgenommen, sie werden eingesperrt und kontrolliert, so dass es häufig nicht möglich ist, rechtzeitig Hilfe zu suchen. Viele schaffen es nicht, sich aus der Gewaltsituation zu befreien, der Zugang zu Schutzeinrichtungen ist in vielen Ländern sehr schwierig, auch die deutschen Auslandsvertretungen können in diesen Fällen nur begrenzt helfen. Nach den Ferien melden die Eltern die Minderjährigen mit fadenscheinigen Begründungen von der Schule ab, häufig fehlen die Beweise, um von Seiten der Schule weitere Schritte einzuleiten, da die Mädchen sich vor der Abreise eventuell niemandem anvertraut haben.

Das Netzwerk „Wegen der Ehre“ schließt sich den Forderungen TERRE DES FEMMES an: mehr Präventionsarbeit in Schulen, um Jugendliche über ihre Rechte und Hilfsangebote aufzuklären sowie regelmäßige Schulungen für Lehrkräfte, Ausbau und Finanzierung von spezialisierten Beratungsangeboten und Schutzeinrichtungen und eine bundesweite Studie über das Ausmaß und Formen von Zwangsverheiratung und Frühehen in Deutschland.

PM: Stadt Schwerte

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